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Familien brauchen und bekommen Unterstützung für ihre seelische Gesundheit

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Für Kinder und Jugendliche sowie für Erwachsene, die hohe Belastungen der seelischen Gesundheit erleben, gibt es vielfältige Angebote zur Unterstützung und zur Prävention. Doch sind sie den Familien bekannt und reichen sie aus? Ein Team von Wissenschaftler*innen der Evangelischen Hochschule Freiburg hat dies für den Ortenaukreis untersucht. Die Projektleitung hatten Prof.in Dr.in Silke Kaiser, Prof. Dr. Fabian Frank, Wissenschaftliche Mitarbeiterin war Juliane Cichecki (M. A.), Lara Hockenjos arbeitete als studentische Hilfskraft im Projekt mit.

Symbolbild: © PantherMedia / iLixe48 (YAYMicro)

Für dieses Forschungsprojekt ist eine interdisziplinäre Perspektive besonders wichtig, weil dadurch die Bedürfnisse aller Familienmitglieder gleichberechtigt in den Blick genommen werden konnten. Fabian Frank: „Dafür haben wir die Zielgruppen an verschiedenen Orten, etwa Kinder in Kitas, Jugendliche in der Schule oder der offenen Jugendarbeit und Eltern in gemeindepsychiatrischen Settings getroffen. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit können wir passende Zugänge zu den Zielgruppen und letztlich passgenaue Interventionen entwickeln.“

Mit einer Bestandsanalyse wurden vorhandene Unterstützungs- und Präventionsangebote im Ortenaukreis für folgende Zielgruppen erfasst: Kinder und Jugendliche, die von einer psychischen Erkrankung bedroht oder bereits erkrankt sind, psychisch oder an einer Sucht erkrankte Eltern sowie Kinder psychisch erkrankter oder suchtkranker Eltern. Beispielsweise berichteten innerhalb der Gruppe der Eltern, die angegeben haben, mindestens ein Kind mit einer psychischen Belastung oder einer psychischen Erkrankung zu haben, 78,9 Prozent an, aufgrund der psychischen Belastung oder Erkrankung ihres Kindes bereits Unterstützungs- oder Hilfsangebote in Anspruch genommen zu haben. Damit zeigt sich, dass ein erheblicher Anteil der betroffenen Familien aktiv auf bestehende Versorgungs- und Unterstützungsstrukturen zurückgreift. Das wiederum könnte ein Hinweis auf eine hohe Sensibilität für Hilfebedarfe und eine vergleichsweise gute Erreichbarkeit entsprechender Angebote sein. Für die Zielgruppe Kinder psychisch oder suchtkranker Eltern bzw. für Kinder und Jugendliche mit psychischen Belastungen oder Erkrankungen konnten die Wissenschaftler*innen aus Freiburg ein breites Unterstützungsangebot im Ortenaukreis ermitteln. Dessen Auffindbarkeit sei für die junge Gruppe jedoch noch nicht optimal, so das Team der Hochschule.

Insgesamt hat das Hochschulteam herausgefunden, dass die institutionellen Hilfeangebote in der Stadt Offenburg konzentriert und dort eng vernetzt sind, was den Familien zugute kommt. Anders sieht dies in den benachbarten Raumschaften aus. Hier scheint laut der durchgeführten Befragungen – vor allem online – eine geringere Dichte entsprechender Angebote zu bestehen.

Mit Angeboten für die seelische Gesundheit stärkt man nicht allein die Resilienz einzelner Familienmitglieder, von Familien und deren Sozialsystemen, sondern man trägt zu einer Stabilisierung der Gesellschaft bei.

Silke Kaiser

Zudem beuge die Unterstützung der seelischen Gesundheit in Familien hohen volkswirtschaftlichen Kosten vor, die entstehen würden, wenn es diese (präventiven) Angebote nicht gäbe, betont Silke Kaiser.

Des Weiteren wurden die Bedarfe der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen sowie die bestehenden Angebote ermittelt. „Wir haben zunächst eine Onlinerecherche durchgeführt, und anschließend relevante Akteur*innen zum Beispiel aus Verwaltung, Leistungsanbieter*innen, Gremien identifiziert“, erklärt Silke Kaiser: „In einem Kick-off-Meeting mit rund 50 Personen bekamen wir Informationen zu bestehenden Angeboten und Bedarfen. Die Perspektive der Betroffenen haben wir einbezogen, indem auch Menschen aus Selbsthilfegruppen teilnahmen. Durch eine vertiefte Onlinebefragung konnten wir Akteur*innen wie etwa Ämter, Jugendhilfeplanung, Jugendamt, Kinderschutzbeauftragte, das Präventionsnetzwerk Ortenaukreis, Kliniken, Kinder- und Jugendpsychiatrien, Ärzt*innen, Kitas, Schulen, Beratungsstellen sowie Eltern einbinden. Kinder und Jugendliche haben wir wir in persönlichen Interviews befragt. Und wir nutzten weitere qualitative Methoden der Sozialraumforschung, um ein vollständiges Bild der Bedarfs- und Versorgungslage zu bekommen.

Ein Ergebnis der Bedarfserhebung ist, dass besonders dezentrale Strukturen für ein gutes Hilfesystem gebraucht werden, also mehr Hilfen und Angebote in der räumlichen Nähe der Familien, die Unterstützung benötigen, sinnvoll sind. Vielfach wurde von den Befragten betont, dass Aufklärungsarbeit wesentlich dazu beitrage, psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren und Tabus abzubauen. Informationsvermittlung wird hier als Voraussetzung gesehen, um Hemmschwellen zu minimieren. Diese sollte im Sinne psychoedukativer Maßnahmen über psychische Erkrankungen aufklären und so Verständnis für die Erkrankung fördern. Daneben könne dies dazu beitragen, den Betroffenen einen geeigneten Umgang mit der eigenen psychischen Belastung bzw. jener von Angehörigen zu ermöglichen. Darüber hinaus betonen die Befragten den Bedarf nach gut aufbereiteten und zugänglichen Informationen zu Unterstützungsangeboten. Zudem wurde deutlich, dass sämtliche Informationsformate – sowohl zu Angeboten als auch psychoedukative Inhalte – mögliche Sprachbarrieren berücksichtigen müssen, einschließlich fremdsprachlicher Hürden und zielgruppenspezifischer Anforderungen (bspw. kindgerechte Ansprache und Informationsebene).

Aus der umfangreichen Bestands- und Bedarfsanalyse hat das Forschungsteam der Evangelischen Hochschule einige Maßnahmen entwickelt, um die Hilfestrukturen im Ortenaukreis zu optimieren. Eine Empfehlung ist, an bestehende Best-Practice anzuknüpfen und etablierte Vernetzungsstrukturen weiterzuentwickeln sowie vor allem die Transparenz über die bestehende Versorgungslandschaft durch eine zentrale digitale Informationsplattform zu erhöhen. Diese Plattform sollte alle Unterstützungsangebote im Ortenaukreis bündeln. Neue Angebote müssten nicht entwickelt werden. Des Weiteren wurde ein sektorenübergreifendes Lots*innensystem empfohlen, das die Navigation und die Koordination von Hilfen auf Fallebene niederschwellig, zeitnah und verlässlich unterstützt. Die Schulung von Fachkräften gehört ebenso zu den vorgeschlagenen Maßnahmen. Hierbei sollen insbesondere die Kompetenzen von in Bildungs-, Betreuungs- und Beratungskontexten tätigen Fachkräften im Themengebiet seelische Gesundheit in Familien gestärkt werden.

Abschließend machte das Team der Wissenschaftler*innen deutlich, dass die empfohlenen Maßnahmen ihre Wirkung vor allem im Zusammenspiel entfalten könnten, um die seelische Gesundheit von Familien im Ortenaukreis nachhaltig zu fördern.

 

Hintergrund: Seit der COVID-19-Pandemie gibt es einen Anstieg psychischer Belastungen bei Kindern, Jugendlichen sowie Erwachsenen. Somit muss eine starke Gefährdung der seelischen Gesundheit in Familien angenommen werden. Deshalb sind gezielte Maßnahmen nötig, die in Kooperation von Akteur*innen aus Politik und Verwaltung, Gesundheitsversorgung, psychosozialer Versorgung, Bildungs- und Sozialsystemen sowie Leistungsanbieter*innen durchgeführt werden.

Silke Kaiser, Foto: Marc Doradzillo

Silke Kaiser ist Professorin für Kindheitspädagogik und leitet den Master-Studiengang Bildung und Erziehung im Kindesalter. Sie forscht etwa zu seelischer Gesundheit und Resilienz sowie zu Interaktion und Beziehung, dies insbesondere bei Kindern und Jugendlichen im Schulalter. Gemeinsam mit Prof.in Dr.in Maike Rönnau-Böse (ebenfalls EH Freiburg) leitet sie das Zentrum für Kinder- und Jugendforschung (ZFKJ) an der EH Freiburg.

Bereits seit Längerem arbeit Silke Kaiser mit PNO, dem Präventionsnetzwerk Ortenaukreis, zusammen, beispielsweise hat sie verschiedene Curricula für bedarfsorientierte Fortbildungen (mit-) entwickelt.

Fabian Frank, Foto: Bernd Schumacher

Fabian Frank ist Prorektor für Forschung und Transfer und leitet das Institut für Angewandte Forschung (IAF) der EH Freiburg. Er ist Professor für Wissenschaft Soziale Arbeit. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen u.a. in der sozial- und gemeindepsychiatrischen Versorgungsforschung, in der Forschung zu Angehörigenarbeit und zur Arbeit mit sozialen Netzwerken sowie in der Teilhabeforschung.

Juliane Cichecki, Foto: Bilger Film & Fotodesign

Juliane Cichecki (M. A.) ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Kinder- und Jugendforschung (ZfKJ) am Institut für Angewandte Forschung (IAF) der Evangelischen Hochschule Freiburg. Sie hat zudem seit Oktober 2023 Lehraufträge im Bachelor-Studiengang Kindheitspädagogik (Themen: Resilienz, wissenschaftliches Arbeiten, qualitative Forschungsmethoden) und Master-Studiengang Bildung und Erziehung im Kindesalter (Thema: qualitative Forschungsmethoden) an der Evangelischen Hochschule.

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