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Freiburger Wissenschaftsgespräche

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Evangelische Hochschule Freiburg

Das 2014 von den Professoren Hans Thiersch und Björn Kraus initiierte Format der öffentlichen Wissenschaftsgespräche bietet eine Plattform an der Evangelischen Hochschule Freiburg, wissenschaftliche Positionen vor und mit Publikum - mit Wissenschaftler*innen, Fachkräften aus der Praxis und Studierenden - zu diskutieren. Die Gespräche finden jährlich zu wechselnden Themen statt.

  • (re.) Prof. Dr. Björn Kraus, Professor für Wissenschaft Soziale Arbeit, Evangelische Hochschule Freiburg
  • (li.) Prof. Dr. Dr. h.c. mult. em. Hans Thiersch, Professor für Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik, Tübingen

Freiburger Wissenschaftsgespräche im Video

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Rückblick 2014 – 2018

News 27.06.2018 - Relationale Soziale Arbeit, Lebensweltorientierung und die Frage nach der Normativität einer kritischen Sozialen Arbeit

News 06.07.2017 - Relationaler Konstruktivismus, Lebensweltorientierung und die Frage nach der Wahrheit

Ist Lebensweltorientierung naiv sozialromantisch und lässt sie dabei die „tatsächlichen“ sozialen und materialen Bedingungen unangemessen außer Acht? Wie viel Wahrheit ist möglich und wie viel Wahrheit ist angemessen? Hans Thiersch und Björn Kraus diskutierten zu dieser komplexen Fragestellung im Juni 2017 vor und mit Studierenden und Gästen der Evangelischen Hochschule Freiburg.

Mit dem Format der öffentlichen Wissenschaftsgespräche haben Kraus, Professor für Wissenschaft Soziale Arbeit, und Thiersch, Professor für Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik, bereits 2014 an der Evangelischen Hochschule begonnen. Es bietet eine Plattform, wissenschaftliche Positionen vor und mit Publikum – mit Wissenschaftler*innen, Fachkräften aus der Praxis und Studierenden – zu diskutieren.

Björn Kraus setzte sich zunächst aus der Perspektive seines Relationalen Konstruktivismus mit den Vorwürfen auseinander, die bezüglich der Möglichkeit von Wahrheit gegenüber konstruktivistischen Positionen formuliert werden. Der Kritik, konstruktivistische Positionen würden die Beliebigkeit kognitiver Konstruktionen betonen, begegnete er mit seinem relational-konstruktivistischen Lebensweltverständnis. Kraus betonte, „dass die Lebenswelt eines Menschen zwar das Ergebnis subjektiver Konstruktionsprozesse ist, dieses Ergebnis aber nicht in einem ‚luftleeren Raum‘, sondern unter den jeweiligen sozialen und materiellen Bedingungen Bestand haben muss.“*

Der Konstruktivismus sei nicht blind für die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge. Zu unterscheiden sei zwischen „Lüge als einer Aussage, die dem eigenen für wahr halten widerspricht“ und verschiedenen theoretischen Konzepten von Wahrheit, führte Kraus aus. In der Diskussion der Korrespondenztheorie, der Konsenstheorie und der Kohärenztheorie der Wahrheit verdeutlichte er, dass „konstruktivistisch zwar ein absolutes Wahrheitsverständnis bestritten wird, gleichwohl die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge möglich ist“.

Hans Thiersch schloss sich diesen Ausführungen an. Er diskutierte aus seiner Perspektive einer Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit die „Risiken und Nebenwirkungen“ von zu wenig, aber vor allem von zu viel Wahrheit: „Ab wann ist Wahrheit eine unangemessene, übergriffige und weder moralisch noch fachlich begründete Zumutung?“ Er sprach sich gegen eine für die Soziale Arbeit untaugliche Forderung nach unbedingter Wahrheit aus.

Historisch verwies er darauf, dass zwar schon in der Antike ein Anspruch auf Wahrhaftigkeit formuliert worden sei, dieser aber mit Hilfsklauseln versehen war. Es waren Überlebenstaktiken des Ausweichens bekannt, die dann von Augustinus und von Kant unter dem Primat einer unbedingten Wahrhaftigkeit zur Seite geräumt und als Verfehlung denunziert wurden. Dem hielt Thiersch entgegen: „Seit der Antike steht gegen das Postulat der Wahrhaftigkeit der Einspruch der praktischen Philosophie, der unbedingte Wahrheitsanspruch verkenne die menschlichen Verhältnisse, er überfordere sie in ihrer konkreten Bedingtheit.“**

Davon ausgehend diskutierte er sowohl die Risiken fehlender Wahrhaftigkeit, als auch den Nutzen von Lügen etwa zur Alltagsbewältigung, als Stigmamanagement, als soziale Funktionalität und als Selbst- und Fremdschutz.

In der anschließenden Diskussion waren sich die beiden Wissenschaftler darin einig, dass für eine professionelle Praxis die Auseinandersetzung mit den Kategorien Lüge und Wahrhaftigkeit, Wahrheit und Falschheit erforderlich ist. Diesbezüglich sei zunächst die erkenntnistheoretische Auseinandersetzung unumgänglich, um überhaupt entscheiden zu können, welches Verständnis von Wahrheit und Falschheit überhaupt als möglich gälte. An diese Reflexion des „Könnens“ müsse aber notwendig die fachliche Reflexion des „Sollens“ anschließen, so Kraus und Thiersch.

Ein Primat der „Wahrhaftigkeit um jeden Preis“ lehnten Hans Thiersch und Björn Kraus ab. Denn zum einen lasse sich mündiges und freies Leben nicht nur im Rahmen unbedingter Wahrhaftigkeit realisieren. Zum anderen sei zu fragen, wie viel Unwahrhaftigkeit für den Einzelnen und für soziale Systeme mit dem Ziel gelingenderen Alltags und eines guten Lebens notwendig ist. Fachlich im Blick zu halten sei dabei das Spannungsfeld zwischen der Akzeptanz individueller Balancen von Wahrhaftigkeit und Unwahrhaftigkeit sowie dem Widerstand gegenüber Tendenzen, die hieraus den Verzicht auf Unterstützung, Aufklärung und Perspektivenerweiterung ableiten.

* Kraus, Björn 2017: Plädoyer für den Relationalen Konstruktivismus und eine Relationale Soziale Arbeit. (Forum Sozial, 1/2017), http://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/51948

** Thiersch, Hans 2015: Unerkannt lassen – Gefahren und Grenzen von Aufdeckungsarbeit in der Beratung. In: Thiersch (Hg.) Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung. Beltz/Juventa. S. 324-342

Freiburg, 26.07.2017
Evangelische Hochschule Freiburg

News und Videos 27.05.2016 - Das Problem der Normativität in der Sozialen Arbeit zwischen Wissenschaft und Praxis

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News 2014 - Zwei Perspektiven: Hans Thiersch und Björn Kraus diskutieren über Lebensweltliche Orientierung

Lebensweltorientierung ist in der Fachwelt der Sozialen Arbeit ein zentrales Paradigma vor allem in der Kinder- und Jugendhilfe. Der Begriff wurde von Hans Thiersch wesentlich in der Sozialen Arbeit eingeführt. Björn Kraus hat ihn konkretisiert und disziplinübergreifend neu definiert. Beide haben sich in Freiburg zu einer öffentlichen Diskussion getroffen.

Hans Thiersch hat das Paradigma der Lebensweltorientierung maßgeblich in den Diskursen der Sozialen Arbeit geprägt. Basierend auf sozialphänomenologischen, hermeneutisch-pragmatischen und kritischen Alltagskonzepten zielt er vor allem auf die Hinwendung zum Alltag der Adressat_innen. Björn Kraus hingegen nähert sich dem Paradigma der Lebensweltorientierung aus einer erkenntnistheoretischen Perspektive und wirft in erster Linie die Frage auf, ob die Orientierung an der Lebenswelt überhaupt möglich und legitim sein kann.

Hans Thiersch und Björn Kraus diskutierten im Dezember 2014 mit rund 230 Gästen – davon 150 Studierende der Evangelischen Hochschule – die Relevanz lebensweltlicher Orientierung(en) für die Professionalisierung Sozialer Arbeit. Moderiert wurde die Veranstaltung von Heiko Hoffmann.

In seinem Referat plädierte Thiersch für ein alternatives Verständnis von Professionalität. Man solle sich nicht expertokratisch von den Menschen abgrenzen, auf die sich die Soziale Arbeit richten würde, erklärte er. Stattdessen müsse man sich konsequent der Lebenswelt als erfahrener und verstandener Welt zuwenden. Kraus stimmte dem grundlegend zu. Doch mahnte er – ausgehend von seinem systemisch-konstruktivistischen Lebensweltbegriff – Bescheidenheit an. Denn auch die Reichweite des professionellen Verständnisses fremder Lebenswelten sei beschränkt. Auch insistierte Kraus auf der Unterscheidung von Lebenswelt und Lebenslage unter Beachtung ihrer strukturellen Koppelung. Dagegen betonte Thiersch, dass beide Bereiche in der Erfahrung, Aneignung und Gestaltung des Alltags zusammenfallen und eine Trennung nur noch analytisch möglich sei.

Nach den Vorträgen von Thiersch und Kraus erläuterten Studierendengruppen der Sozialen Arbeit (der EH Freiburg) ihre Positionen. Sie kritisierten an Thierschs Ansatz die Normativität, mit der die Notwendigkeit zur „Destruktion bornierter Routinen“ begründet werde. Dagegen sei der erkenntnistheoretische Ansatz von Kraus auf normativer Ebene abstrakt und unbestimmt. Für die Studierenden stellte sich die Frage, wie die theoretischen Arbeiten praktisch zum Tragen kommen würden. Björn Kraus sieht die Antwort u.a. in der „Verinnerlichung einer Haltung, die zum Respekt vor dem subjektiven Eigensinn der Adressat_innen auffordere und zur kritischen Reflexion der Grenzen und Möglichkeiten verstehender Zugänge“. Mit Blick auf sein Lebenswerk führte Hans Thiersch aus, dass er heute „wohl der Kasuistik einen größeren Stellenwert einräumen würde, um Theorie mit Fallbezug zur Anwendung zu bringen“.

Videos der Wissenschaftsgespräche 2014

Bildergalerie

(alle Fotos 1. Galerie: Marc Doradzillo, 2. Galerie: Fionn Grosse)

Weitere Veranstaltungen dieser Reihe

13.06.2019 
Evangelische Hochschule Freiburg

Save the date: Lebensweltorientierung und Relationale Soziale Arbeit – zwischen Fakenews und moralischen Dogmen

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