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Professorin Anni Hentschel

„Nur wenn ich mich darauf einlasse, dass meinen Erwartungen widersprochen wird, kann ich Neues entdecken."

zur Person

Auf Widerspruch einlassen

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Seit September 2022 ist Anni Hentschel Professorin für Neues Testament und Diakoniewissenschaft an der EH Freiburg. In ihrer Forschung beschäftigt sich die Theologin seit langem mit sozialer Gerechtigkeit und karitativem Handeln in der Bibel.

Ein Gespräch mit Prof.in Dr.in habil. Anni Hentschel

Frau Hentschel, spielt der Begriff Solidarität in der Bibel eine Rolle oder ist das eine moderne Idee? Die Autoren der biblischen Texte verwendeten natürlich andere Begriffe, sie wollten vermitteln, dass Zusammenhalt und Gemeinsinn wichtig sind. Paulus hat dafür im ersten Korintherbrief zum Beispiel das Bild eines Körpers verwendet. Wir Menschen sind wie unterschiedliche Glieder dieses Körpers: Die Glieder sollen nicht danach streben, besonders wichtig zu sein. Schließlich leistet jedes seinen Beitrag, damit der gesamte Organismus leben kann. Zwar neigen wir Menschen dazu, die Glieder unterschiedlich wertzuschätzen, aber es bringt gar nichts, wenn sich der Kopf einen Plan überlegt und die Augen das Ziel sehen, man aber keine Füße hat, um sich in Bewegung zu setzen. Paulus sagt: Wenn einer leidet, leiden alle mit. Und wenn einer sich freut, sollen sich alle freuen. Heute bezeichnet Solidarität häufig eine Situation, in der Stärkere etwas abgeben, um Schwächere zu unterstützen: Geld, Arbeitskraft, Aufmerksamkeit.

Diesen Gedanken gab es damals nicht? Doch! Die entstehenden christlichen Gemeinden lebten nach den sozialen Gesetzen des Judentums. Dass die Menschen aufeinander Rücksicht nehmen, spielt in den Geboten der Thora eine große Rolle. Die Nächstenliebe äußert sich dort in konkreten Handlungsanweisungen: Reiche sind zum Teilen verpflichtet. Arme Menschen sind keine Bittsteller, sondern haben das Recht auf Unterstützung und Versorgung. Wenn im Hebräischen das Wort „Gerechtigkeit“ benutzt wird, müssten wir es eigentlich mit „Gemeinschaftstreue“ übersetzen. Es ist also ein Solidaritätsbegriff.

Man hat das griechische Wort „Diakonia“ lange missverstanden. Es bezeichnete keinen niederen Dienst, sondern eine Beauftragung.

Anni Hentschel
Anni Hentschel, Foto: Marc Doradzillo
Anni Hentschel, Foto: Marc Doradzillo

Wer zählt zu dieser Gemeinschaft? Gibt es Personen, die ausgeschlossen sind? Zur Gemeinschaft zählen Mitglieder des eigenen Volkes, aber auch Fremde, die unter ihnen wohnen. Auch Gott verhält sich gemeinschaftstreu gegenüber allen Teilen seiner Schöpfung. Das ist aktuell besonders interessant, denn das schließt die Beziehungen zu Tieren ein, zu Pflanzen, zur Erde selbst. Das klingt sehr modern. Früher hat man mit dem Hinweis auf die Bibel gesagt, es sei der Auftrag des Menschen, sich die Erde untertan zu machen. Wenn man diesen Auftrag korrekt versteht, ist es keine Erlaubnis, alles auszubeuten. Der Mensch soll die Erde vielmehr bebauen und bewahren.

Können wir also tatsächlich aus 2000 Jahre alten Texten etwas für unsere heutige Gesellschaft lernen? Ja, auf jeden Fall. Die Frage ist jedoch, was wir konkret lernen wollen. Wir können nicht die Inhalte, die in einer ganz anderen Zeit entstanden sind, einfach auf unsere Zeit übertragen. Gerade weil die Bibel die normative Grundlage für die christlichen Konfessionen ist, ist es wichtig zu reflektieren, welchen Aussagen wir heute noch eine normative Gültigkeit zuschreiben. Wir können durch die Texte die Erfahrungen und Wirklichkeitsdeutungen der Menschen kennenlernen. Mich interessieren besonders sozialgeschichtliche und ethische Fragen. Die Texte des Neuen Testaments sind auch als historische Zeugnisse spannend. Anders als die meisten antiken Schriften sind sie keine typische Literatur der Oberschicht, sondern sie geben uns einen Einblick in den Alltag der damaligen Zeit.

Wie schaffen Sie es, Texten, die Sie vermutlich in- und auswendig kennen, immer wieder etwas Neues zu entlocken? Ich versuche zu erkennen, wo ich „Vor-Urteile“ im hermeneutischen Sinne habe. Ich gehe oft semantisch vor, das heißt, ich untersuche, wie sich die Bedeutung von Begriffen verändert hat. Dafür arbeite ich vor allem mit griechischen und hebräischen Texten, denn in diesen Sprachen wurden die biblischen Texte geschrieben. Oft ziehe ich andere antike Texte hinzu, dann brauche ich auch meine Lateinkenntnisse. Je nach Thema verknüpfe ich das mit den Methoden anderer Disziplinen, etwa der Geschichtswissenschaft oder der Soziologie. Das Thema meiner Doktorarbeit beispielsweise war ursprünglich ein explizites Genderthema: Ich habe mich gewundert, warum aus dem Begriff „Diakonia“, der einen niederen Dienst von Frauen und Sklavinnen bezeichnete, so schnell ein Titel für ein Leitungsamt werden konnte, das meistens von Männern ausgeübt wurde. Um zu verstehen, was der Begriff eigentlich bedeutete, habe ich mich im Verlauf meiner Arbeit dann auf semantische Fragen konzentriert.

Ich lehre an der EH Freiburg auch Diakoniewissenschaft in den Studiengängen Gemeindediakonie und Soziale Arbeit. Dadurch hat meine Arbeit einen starken Gegenwartsbezug und eine enge Verbindung zu sozialen Fragen.

Anni Hentschel

Und was haben Sie herausgefunden? Man hat das griechische Wort „Diakonia“ lange missverstanden. Es bezeichnete keinen niederen Dienst, sondern eine Beauftragung. Mit Aufträgen konnten Frauen, Männer, Sklaven ebenso wie Könige betraut werden, je nach Aufgabe. Dadurch sind mir dann auch andere Missverständnisse aufgefallen. Es war zum Beispiel im Neuen Testament lange üblich, „Diakonos“ unterschiedlich zu übersetzen, je nachdem, ob ein männlicher oder ein weiblicher Name folgte: Männer wurden zu Amtsinhabern, Frauen zu Dienerinnen oder Helferinnen. Das hatte weitreichende Konsequenzen, denn als im 19. Jahrhundert der Diakoniebegriff für das soziale Engagement der protestantischen Kirche aufgegriffen wurde, verband man damit einen aufopfernden Dienst. Den überwiegend Frauen bei schlechter Bezahlung leisteten … Ja, leider. Solche geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen sind im griechischen Begriff „Diakonia“ aber nicht enthalten. Die Lesenden hatten ihre jeweils eigenen Vorstellungen und interpretierten die biblischen Texte entsprechend. Wenn „Diakonia“ im Neuen Testament aber eine Beauftragung durch Gott oder Jesus bezeichnet, haben wir eine andere Vorstellung: Für wichtige Aufgaben sucht man sich qualifizierte Personen. Und diese müssen professionell und zuverlässig arbeiten, denn sie sind Gott rechenschaftspflichtig. Damit sind Anerkennung und Autorität verbunden, die Möglichkeit, etwas zu gestalten.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich so intensiv und kritisch mit der Bibel auseinanderzusetzen? Im Gymnasium hatte ich einen sehr guten Religionslehrer, der mit uns darüber diskutiert hat, wie man die Bibel interpretieren muss. Von ihm habe ich gelernt, dass man den Texten nicht gerecht wird, wenn man einfach an sie glaubt. Später habe ich mit der Pfarrerin meiner evangelischen Studierendengemeinde über theologische Fragen gesprochen, beispielsweise über antike Moralvorstellungen, die sich auch in der Bibel finden und die man nicht einfach auf unsere Zeit übertragen kann und muss. So habe ich gemerkt: Das interessiert mich, das will ich studieren! Die Idee, die Wissenschaft zu meinem Beruf zu machen, kam erst später. Zu Beginn meines Studiums wollte ich Pfarrerin werden. Mich hat es fasziniert, beruflich mit den unterschiedlichsten Menschen über Gott zu reden und sie in allen Lebenslagen zu begleiten.

Jetzt sind Sie Professorin. Was gefällt Ihnen daran besonders gut? Ich lehre an der EH Freiburg auch Diakoniewissenschaft in den Studiengängen Gemeindediakonie und Soziale Arbeit. Dadurch hat meine Arbeit einen starken Gegenwartsbezug und eine enge Verbindung zu sozialen Fragen. Ich nehme mir Zeit, den Menschen der damaligen Zeit „zuzuhören“. Ich lerne, welche Vorstellungen sie von Gott hatten und wie ihnen ihr Glaube geholfen hat, soziale Missstände anzuprangern, mit Geschlechterrollen umzugehen oder Krisen zu meistern. Wie bei Menschen darf man auch bei Texten nie denken, dass man schon alles weiß. Nur wenn ich mich darauf einlasse, dass meinen Erwartungen widersprochen wird, kann ich Neues entdecken.

(Interview: Stefanie Hardick)

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