Lust auf Hochschule in Farbe?
Kommen Sie gerne vorbei oder klicken Sie hier:
Berufspraxis schon während des Studiums: Professionalität entwickeln
Interview mit Isabelle Ihring und Dagmar Hensel-Gebhard
Das Studium an der EH Freiburg ist eng mit der Berufspraxis verzahnt. Die Praxisämter begleiten Studierende, Praxiseinrichtungen und Lehrende und schaffen den Rahmen dafür, dass aus Praxiserfahrung fachliche Orientierung und professionelle Handlungskompetenz werden. Wir haben mit Dagmar Hensel-Gebhard, Leitung Praxisamt und Studienfachberatung, und Prof.in Dr.in Isabelle Ihring, praxisbeauftragte Professorin und Modulbeauftragte für u. a. die Module Praxis Sozialer Arbeit und Entwicklung
professioneller Identität, beide im Studiengang Bachelor Soziale Arbeit, gesprochen.
ev.olve: Was lernen Studierende der Sozialen Arbeit in den Praxisphasen, was sich im Seminar allein nicht vermitteln lässt?
Isabelle Ihring: Die Studierenden kehren aus dem Praxissemester mit weitreichenden Erfahrungen darüber zurück, wie Soziale Arbeit im Alltag aussieht. Diese helfen, Brücken zwischen
Theorie und Praxis zu schlagen: etwa bei der Anwendung rechtlicher Grundlagen, bei den Folgen von (Mehrfach-)Diskriminierungen für den
Lebensalltag der Menschen oder bei politischen Sparmaßnahmen und ihren Auswirkungen auf Benachteiligte. Im Praxissemester wird für die Studierenden greifbar, wie komplex Problemlagen sind und dass es für die Lebenssituationen der
Menschen meist keine einfachen Antworten gibt. Auf diesen Erfahrungen aufbauend, fällt es ihnen leichter zu verstehen, warum wir Theorien und Methoden brauchen, um solche Zusammenhänge zu analysieren, und dass der Rückgriff auf
unsere Bezugsdisziplinen – beispielsweise Psychologie, Pädagogik, Soziologie oder Ethik – unverzichtbar ist.
Woran merken Sie, dass Studierende im Praxissemester einen wichtigen Entwicklungsschritt machen – fachlich, persönlich oder im professionellen Selbstverständnis?
Isabelle Ihring: Ich stelle fest, dass die Studierenden nach ihrem Praxissemester deutlich mehr hinterfragen und reflektieren – etwa ihre Biografie oder ihren Blick auf Adressat*innen. Sie diskutieren verstärkt ihre Rolle als Sozialarbeitende
und auch, wie sie mit ihrer Macht in dieser Rolle professionell und bewusst umgehen müssen. Überdies bringen sie ein geschärftes Bewusstsein dafür mit, wie häufig Menschen an vermeintlich allgemeingültigen Normen gemessen werden
und welche Folgen das für jene hat, die diesen Normen nicht entsprechen. Eng damit verbunden ist die Fähigkeit, eigene Normen, Werte und Bewertungen zu reflektieren, damit Menschen ihre eigenen Wege verfolgen können, möglichst ohne sie zu beurteilen. Die Praxisphase macht erfahrbar, wie grundlegend diese Reflexionsfähigkeit für eine professionelle Haltung und professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit ist.

Welche Rolle spielt das Praxisamt dabei, dass aus Praxiserfahrung Professionalität entsteht?

Dagmar Hensel-Gebhard: Das Praxisamt ist vor, während und nach dem praktischen Studiensemester Ansprechstelle für Studierende, Begleitprofessor*innen, Praxisstellen und
Anleitende. Zur Sicherung fachlicher Standards liegt jedem Praktikum ein Lernziel- und Kompetenzkatalog zugrunde; die Anleitung übernehmen berufserfahrene Fachkräfte aus der
Sozialen Arbeit. Bereits ein Jahr vor dem Praxissemester biete ich Informationsveranstaltungen und individuelle Beratungsgespräche an, um eine möglichst gute Passgenauigkeit zwischen den Erwartungen der Studierenden und den Bedingungen in der Praxisstelle zu erreichen. Bei unserer jährlichen Praxisstellenbörse kommen Studierende mit Sozialarbeiter*innen aus der Praxis ins Gespräch, können sich über Praxisstellen und Lernfelder informieren. Während des Praktikums besuchen
die Studierenden praxisbegleitende Lehrveranstaltungen, um Theoriewissen und Praxiserfahrung zu verzahnen. Zusätzlich werden sie von externen zertifizierten Supervisor*innen begleitet. Mit ihnen können sie ihre Erfahrungen reflektieren und an ihrer professionellen Habitusbildung arbeiten. Tauchen im Praktikum Schwierigkeiten auf, moderiere ich gemeinsam mit den Begleitprofessor*innen die Situation, damit das Praktikum gut fortgeführt werden kann.
Für neue Anleitende bieten wir ein Treffen an, um sich über Anforderungen und gelingenden Kompetenzerwerb auszutauschen. Später folgt ein Anleitendentreffen mit Fokus auf ein praxisrelevantes Thema, etwa Nähe und Distanz in professionellen Beziehungen, Klassismus und seine Bedeutung für die Soziale Arbeit oder aktuelle Entwicklungen im Asylrecht. Und natürlich sind Austausch und Rückmeldungen an die
Hochschule möglich und erwünscht. Zur fachlichen Begleitung gehört ein Praxisbesuch der Begleitprofessor*innen in den Einrichtungen. Themen und Wünsche, die dabei von den Anleitenden benannt werden, bündelt Isabelle Ihring und bringt sie in den Fachbereich Soziale Arbeit ein.
Ein weiteres Ziel ist es, eine eigene Perspektive zu vertreten und zugleich andere Sichtweisen stehen lassen zu können.
Isabelle Ihring
Wie gelingt es, Theorie, Praxiserfahrung und Reflexion so zu verbinden, dass Studierende ihren eigenen professionellen Standpunkt entwickeln?
Isabelle Ihring: Eine zentrale Aufgabe der Lehre besteht darin, Räume zu schaffen, in denen Theorie, Praxiserfahrung und Reflexion miteinander verbunden werden. Sie ermöglichen
es, unterschiedliche Perspektiven auf komplexe Situationen zu beleuchten, ohne vorschnell eine davon als „richtig“ oder „falsch“ auszuzeichnen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Arbeit mit Fallbeispielen aus den Praxiserfahrungen der
Studierenden. An ihnen lassen sich die Widersprüchlichkeiten sozialen Handelns, die Vielschichtigkeit sozialer Wirklichkeiten sowie daraus entstehende Spannungsfelder und Dilemmasituationen reflektieren. Ein weiteres Ziel ist es, eine respektvolle Sprechfähigkeit zu entwickeln: eine eigene Perspektive zu vertreten und zugleich andere Sichtweisen stehen lassen zu können. Das ist nicht nur kommunikative Kompetenz, sondern auch Ausdruck professioneller Haltung.
Was wünschen Sie sich von Praxiseinrichtungen, damit Studierende dort gute Lernorte vorfinden?
Dagmar Hensel-Gebhard: Für unsere Studierenden wünsche ich mir, dass sie im praktischen Studiensemester von motivierten, berufserfahrenen Fachkräften der Sozialen Arbeit
angeleitet werden, die dafür genügend Zeitressourcen haben. Die Anleitenden sollten fördern und fordern, ohne zu überfordern, und die Studierenden je nach individuellem Lernfortschritt in die berufliche Praxis integrieren.
Wünschenswert ist zudem eine lebensbedarfsorientierte Praktikumsvergütung, die leider nicht üblich ist. Studierende müssen daher neben dem Vollzeitpraktikum zusätzlich für ihren Lebensunterhalt jobben.
Wünschenswert ist eine lebensbedarfsorientierte Praktikumsvergütung, die leider nicht üblich ist.
Dagmar Hensel-Gebhard
Unsere Praxisämter
Das Studium an der Evangelischen Hochschule bereitet sehr gut auf die Arbeitswelt vor. Der enge Praxisbezug sichert, nicht am Markt vorbei
zu studieren. Die drei Praxisämter der
Bachelorstudiengänge beraten Studierende, Praxiseinrichtungen, Dozierende und Anleiter*innen. In allen Bachelorstudiengängen sind Praxissemester und weitere Praxisphasen eingebaut. Alle Praxiszeiten werden intensiv begleitet und theoretisch vertieft. Hier wird das
am Beispiel des B. A. Soziale Arbeit erläutert.
Kontakt
-
Prof.in Dr.in Isabelle Ihring
Professur Jugend und Soziale Arbeit; Studiengangsleitung B. A. Soziale Arbeit · Fachbereich I Soziale Arbeit
-
Dagmar Hensel-Gebhard
Leitung Praxisamt B.A. Soziale Arbeit, Studienfachberatung B.A. Soziale Arbeit · Fachbereich I Soziale Arbeit