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Kunst will irritieren
Ein Gespräch mit Prof. Dr. Reinhard Lohmiller
Wahre Veränderung beginnt selten dort, wo Programme formuliert, Positionen bezogen oder Maßnahmen beschlossen werden. Sie beginnt meist dort, wo unsere Routinen ins Wanken geraten, weil wir feststellen, dass die eigene Sicht auf die Welt nicht die einzig mögliche ist. Kunst kann solche Momente hervor bringen.
Für Reinhard Lohmiller, Professor für Ästhetik, Kultur und Kommunikation an der EH Freiburg, ist genau das der entscheidende Punkt. Kunstpädagogik sei „die Förderung des Menschenrechts auf Selbstäußerung“, ein Satz, den sein Doktorvater Till Neu prägte. In dieser Formulierung verdichtet sich ein Verständnis von Kunst, das weit über die gestalterische Praxis hinausweist.
Es geht nicht um die Reproduktion vorgegebener Formen. Es geht um die Möglichkeit, sich zur Welt und zu sich selbst ins Verhältnis zu setzen – tastend, suchend, produktiv.
Dass Kunst in diesem Sinne eine hermeneutische Qualität besitzt, ist nicht nur Theorie, sondern Erfahrung. Wer künstlerisch arbeitet oder ein Kunstwerk betrachtet, begegnet in der modernen Kunst in der Regel nicht einer eindeutig
festgelegten Bedeutung.
Vielmehr zeigt sich, dass Wahrnehmung stets perspektivisch ist. Lohmiller formuliert es radikal:
„Jede Wahrnehmung ist richtig.“ Damit meint er jedoch nicht Beliebigkeit, sondern die Einsicht, dass Wirklichkeit nicht einfach abgebildet, sondern stets gedeutet wird. Veränderungen im künstlerischen Feld beginnen häufig mit Irritationen. Lohmiller spricht in diesem Zusammenhang von einer „Störung im System“, die eingeübte Wahrnehmungs- und Denkmuster unterbricht. Was zuvor eindeutig schien, wird hinterfragbar und damit veränderbar. Kunst ist in dieser Perspektive kein harmonisierendes Medium, sondern ein produktiver Störfall. Sie zwingt nicht zur Zustimmung, aber sie entzieht dem Gewohnten sein Fundament.
Kunst in Pädagogik und Sozialer Arbeit
Damit wird bereits angedeutet, warum künstlerische Prozesse für pädagogische
und soziale Arbeitsfelder von besonderer Bedeutung sind. An der EH Freiburg ist
Kunstpädagogik fester Bestandteil der Bachelorstudiengänge Soziale Arbeit und
Kindheitspädagogik.
Lohmiller weist darauf hin, dass in vielen professionellen Kontexten sprachliche Mittel allein nicht ausreichen: beispielsweise wenn Menschen
nur eingeschränkt sprach- oder ausdrucksfähig sind oder weil ihre Wahrnehmung und ihre Erfahrung nur schwer in Worte zu fassen sind. Oder weil aufgrund von Beeinträchtigungen durch Krankheit oder Alter der Ausdruck über Begriffe nur schwer gelingt. Dort gewinnen nonverbale Zugänge an Gewicht. Kunst eröffnet Möglichkeiten der Artikulation, die weder defizitär noch bloß kompensatorisch zu verstehen sind. Sie schafft vielmehr Ausdrucksformen eigener Qualität. Vielen Kindern ist dieser Zugang vertraut. Sie nutzen gestalterische Prozesse, um sich die Welt anzueignen, lange bevor sie über differenzierte sprachliche Mittel verfügen. Jugendliche finden
in künstlerischen Ausdrucksformen Möglichkeiten, Identität zu erproben, sich abzugrenzen und eigene Codes zu entwickeln. Für Erwachsene sind künstlerische Ausdrucksformen ein Mittel, ihr Leben oder bestimmte Lebensumstände ohne Worte oder auch metaphorisch zu bearbeiten.

Der künstlerische Prozess ist wichtiger als das fertige Produkt.
Reinhard Lohmiller
Die Kunstpädagogik an der EH Freiburg setzt bewusst bei der Selbsterfahrung und -reflexion an. Die Studierenden sollen lernen, wie sich ästhetische Prozesse anfühlen, welche Widerstände sie enthalten und welche Erkenntnismöglichkeiten in ihnen stecken. Es geht nicht in erster Linie darum, wie man „etwas Schönes macht“. Der künstlerische Prozess ist wichtiger als das fertige Produkt.
Entscheidend ist, dass unter vergleichbaren Ausgangsbedingungen individuelle Lösungen entstehen. Gerade darin zeigt sich, dass ästhetische Bildung nicht auf Vereinheitlichung, sondern auf Differenz zielt. Wer erlebt, dass andere aus derselben Aufgabe heraus zu völlig anderen Ergebnissen gelangen, macht eine pädagogisch weittragende Erfahrung.
„Werkstattlernen“, wie Lohmiller es beschreibt, ist deshalb mehr als eine Organisationsform. Beim
Nebeneinanderarbeiten sehen die Studierenden: Die anderen arbeiten anders, sehen anders, lösen anders – und darin liegt eine hermeneutisch relevante Einsicht. Angehende Fachkräfte der Sozialen Arbeit und der Kindheitspädagogik lernen, dass Lebenslagen zwar beschreibbar sein mögen, Lebenswelten jedoch nur in Annäherung zugänglich sind. Kunst, die mit Metaphern,
Zwischenräumen und offenen Bedeutungen operiert, schult diese Sensibilität.
Hinzu kommt eine zweite Erfahrung, die für pädagogische Prozesse von zentraler Bedeutung ist: die Selbstwirksamkeit. Wer künstlerisch arbeitet, erlebt sich nicht als reiner Rezipient,
sondern als Handelnder. Lohmiller bringt dies auf die einfache Formel: „Sei Produzent statt Konsument.“ Künstlerisches Arbeiten verändert die eigene Perspektive. Diese Botschaft möchte er seinen Studierenden mitgeben: Kunstpädagogik
schafft einen Raum, in dem Menschen die Erfahrung machen, ganz sie selbst sein zu dürfen und dass darin kein Mangel, sondern ein Ausgangspunkt für Entwicklung liegt.
Wie sehr dies in der Praxis zutrifft, zeigt sich auch daran, dass während der künstlerischen Tätigkeit die Smartphones freiwillig in der Tasche bleiben und die Lernenden berichten, wie sehr sie die
Intensität der Zeit genießen.
Offene Prozesse wie dieser konfrontieren die Beteiligten mit Unsicherheit. Auch darin liegt ihr Bildungswert. Kunst ist kein linearer Weg von der Aufgabe zur Lösung. Wer in komplexen sozialen Situationen arbeitet, muss Mehrdeutigkeiten, Brüche und Vorläufigkeiten aushalten können. Lohmiller spricht hier von „Ambiguitätstoleranz“. Kunstpädagogische Prozesse fördern diese Fähigkeit, da sie keine sofortige Eindeutigkeit
verlangen, sondern das Aushalten des Offenen.
Die Studierenden lernen etwas, das für ihre spätere Praxis zentral ist: Übersetzungsarbeit.
Reinhard Lohmiller
Kunst wirkt in die Gesellschaft
Von hier aus lässt sich auch die gesellschaftliche Dimension erfassen. Kunst verändert die Gesellschaft nicht, indem sie Handlungsanweisungen formuliert oder komplexe politische Prozesse ersetzt. Ihre Wirkung ist indirekter und setzt früher an: in der Wahrnehmung, im Deuten und in der Fähigkeit, sich andere Sichtweisen zu erschließen. In diesem Sinne ist Kunst ein Medium gesellschaftlicher Öffnung.
Kunst regt zum Nachdenken an, hinterfragt und kann Debatten anstoßen. Kunstschaffende sind so gesehen auch Forschende an gesellschaftlichen Phänomenen, sagt Lohmiller. Das verbindet künstlerische Zugänge mit dem Profil der Hochschule, Kommunikation und neue Perspektiven werden durch Transfer und öffentliche Interventionen in Kitas, Schulen, Jugendzentren etc. sichtbar und gestaltbar.
Besonders deutlich zeigt sich diese Dimension dort, wo Kunst den Schutz des Seminarraums verlässt und in die Gesellschaft hineinwirkt. Lohmiller initiiert seit 24 Jahren Projekte im öffentlichen Raum der Stadt Freiburg, etwa auf dem Platz der Alten Synagoge oder am Stühlinger Kirchplatz. Auch die Zusammenarbeit mit Praxispartnern gehört in diesen Zusammenhang: Sie schafft Räume, in denen künstlerische Prozesse in konkrete soziale Kontexte hineinwirken können. Die Idee dahinter beschreibt Lohmiller als „produktive Einmischung“. Gemeint ist damit die bewusste Verlagerung von Themen, Fragen und Erfahrungen in die Öffentlichkeit.
Diese Projekte sind mehr als bloße Ausstellungen. Sie sollen von den Menschen nicht einfach betrachtet werden, sondern sie „verwickeln“: in Gespräche, in Reaktionen, in eigene Stellungnahmen. Kunst erscheint hier als Praxis des Sichtbarmachens und der Beteiligung. Zugleich lernen die Studierenden etwas, das für ihre spätere Praxis zentral ist: Übersetzungsarbeit. Sie erfahren, dass gute Ideen und wissenschaftliche Reflexion allein nicht genügen, wenn sie in einem Code formuliert bleiben, der außerhalb akademischer Kontexte kaum verstanden wird.
„Pädagogik ist die Kultivierung von Geduld“, sagt Lohmiller einmal im Gespräch. Kunst, so könnte man ergänzen, ist eine ihrer anspruchsvollsten Übungsformen. Denn wer gestalterisch arbeitet, kann Ergebnisse nicht erzwingen. Er oder sie muss sich auf den Prozess einlassen, Unsicherheiten aushalten und darauf vertrauen, dass etwas Gelingendes entsteht. In einer Zeit, die auf Beschleunigung, Vereinfachung und sofortige Reaktion eingestellt ist, ist vielleicht gerade das
ihre besondere gesellschaftliche Relevanz: Kunst lehrt, dass Verstehen Zeit braucht und Veränderung ebenso.
(Protokoll: Melanie Geppert)
Kontakt
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Prof. Dr. Reinhard Lohmiller
Professur für Ästhetik, Kultur und Kommunikation; Dekan Fachbereich III Pädagogik und Supervision · Fachbereich III Pädagogik und Supervision