Kunst kann ein produktiver Störfall sein
Für Reinhard Lohmiller, Professor für Ästhetik, Kultur und Kommunikation an der EH Freiburg, ist Kunstpädagogik „die Förderung des Menschenrechts auf Selbstäußerung“, ein Satz, den sein Doktorvater Till Neu prägte. In dieser Formulierung verdichtet sich ein Verständnis von Kunst, das weit über die gestalterische Praxis hinausweist.

Reinhard Lohmiller; Foto: Marc Doradzillo
Reinhard Lohmiller lehrt Kunstpädagogik in den Bachelor-Studiengängen Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik an der Evangelischen Hochschule. Die Kunstpädagogik setzt bewusst bei der Selbsterfahrung und -reflexion an. Die Studierenden sollen lernen, wie sich ästhetische Prozesse anfühlen, welche Widerstände sie enthalten und welche Erkenntnismöglichkeiten in ihnen stecken. Es geht nicht in erster Linie darum, wie man „etwas Schönes macht“. „Der künstlerische Prozess ist wichtiger als das fertige Produkt“, sagt Lohmiller. Entscheidend ist, dass unter vergleichbaren Ausgangsbedingungen individuelle Lösungen entstehen.
„Werkstattlernen“, wie Lohmiller es beschreibt, ist deshalb mehr als eine Organisationsform. Beim
Nebeneinanderarbeiten sehen die Studierenden: Die anderen arbeiten anders, sehen anders, lösen anders – und darin liegt eine hermeneutisch relevante Einsicht. Angehende Fachkräfte der Sozialen Arbeit und der Kindheitspädagogik lernen, dass Lebenslagen zwar beschreibbar sein mögen, Lebenswelten jedoch nur in Annäherung zugänglich sind. Kunst, die mit Metaphern, Zwischenräumen und offenen Bedeutungen operiert, schult diese Sensibilität.
Der künstlerische Prozess ist wichtiger als das fertige Produkt.
„Jede Wahrnehmung ist richtig“, betont Lohmiller. Damit meint er jedoch nicht Beliebigkeit, sondern die Einsicht, dass Wirklichkeit nicht einfach abgebildet, sondern stets gedeutet wird. Veränderungen im künstlerischen Feld beginnen häufig mit Irritationen. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer „Störung im System“, die eingeübte Wahrnehmungs- und Denkmuster unterbricht. Was zuvor eindeutig schien, wird hinterfragbar und damit veränderbar.
Künstlerisches Arbeiten verändert die eigene Perspektive. Diese Botschaft möchte Reinhard Lohmiller seinen Studierenden mitgeben: Kunstpädagogik schafft einen Raum, in dem Menschen die Erfahrung machen, ganz sie selbst sein zu dürfen und dass darin kein Mangel, sondern ein Ausgangspunkt für Entwicklung liegt. Wie sehr dies in der Praxis zutrifft, zeigt sich auch daran, dass während der künstlerischen Tätigkeit die Smartphones freiwillig in der Tasche bleiben und die Lernenden berichten, wie sehr sie die Intensität der Zeit genießen.
Offene Prozesse wie dieser konfrontieren die Beteiligten mit Unsicherheit. Auch darin liegt ihr Bildungswert. Kunst ist kein linearer Weg von der Aufgabe zur Lösung. Wer in komplexen sozialen Situationen arbeitet, muss Mehrdeutigkeiten, Brüche und Vorläufigkeiten aushalten können. Lohmiller spricht hier von „Ambiguitätstoleranz“. Kunstpädagogische Prozesse fördern diese Fähigkeit, da sie keine sofortige Eindeutigkeit verlangen, sondern das Aushalten des Offenen.
Protokoll des Gesprächs mit Reinhard Lohmiller
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Ansprechperson
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Prof. Dr. Reinhard Lohmiller
Professur für Ästhetik, Kultur und Kommunikation; Dekan Fachbereich III Pädagogik und Supervision · Fachbereich III Pädagogik und Supervision
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