Viele spüren Ohnmacht: Klimakrise, steigende Kosten, Energiearmut. Ist das ein Thema für Soziale Arbeit? Materialien zum gemeinsamen Verstehen und ins Handeln kommen.
Die Klimafrage ist
eine soziale Frage
Wie hängen Klimakrise, Energiewende und Soziale Arbeit zusammen? Inwiefern ist das ein Thema für die Soziale Arbeit? Und was können Sozialarbeitende tun? Folgenden Beiträge sollen Sozialarbeitende einladen, Zusammenhänge zu verstehen und Ideen für ihre Praxis zu entwickeln.
Die Klimakrise ist im Alltag vieler Menschen angekommen. Auch begegnen Menschen in ihrem Alltag den politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Klimakrise, wie zum Beispiel in den Diskussionen um Heizkosten. Dabei betreffen sowohl der Klimawandel als auch die Folgen mancher klimapolitischen Maßnahmen nicht alle gleich. Hitzewellen, steigende Energiepreise und schlecht isolierte Wohnungen sind Themen, die viele Adressat:innen der Sozialen Arbeit besonders betreffen. Und gleichzeitig spüren viele Sozialarbeitende Ohnmacht angesichts der Größe und Dringlichkeit der Klimakrise. Und viele sind ratlos, wie sich die Klimakrise konkret in der sozialarbeiterischen Praxis bearbeitet lässt.
Auf den folgenden Seiten werden Materialien vorgestellt, die gemeinsam mit Studierenden der Sozialen Arbeit entwickelt wurden. Diese sind als Workshop mit sechs verschiedenen Bausteinen konzipiert. Sie verhandeln die Frage, wie soziale Gerechtigkeit und die Klimakrise miteinander zusammenhängen und sollen Handlungsmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit bei der Mitgestaltung der sozial-ökologischen Transformation aufzeigen. Dabei legen wir den Fokus auf Handlungsräume in der Gemeinwesenarbeit und das Wohnen als Feld, das für die Energiewende von großer Bedeutung ist und Menschen in ihrem Alltag unmittelbar betrifft.

Baustein 01: Warum dieser Workshop?
Klimawandel geht uns alle an. Aber inwiefern ganz konkret die Soziale Arbeit und vor allem, was kann sie tun?
Auch wenn die Frage erfreulicherweise immer häufiger gestellt wird – wir erleben bei uns und bei anderen auch viel Unsicherheit, häufig auch Ambivalenzen. Wir steigen mit Aussagen von Sozialarbeitenden ein, die mal resigniert, mal skeptisch, mal selbstbewusst und handlungsmächtig in Bezug auf ihre Handlungsräume klingen. Sie sollen zur Wahrnehmung von eigenen Haltungen und Erwartungen an das eigene Handeln einladen.
Außerdem findet sich in diesem Baustein ein exemplarischer Ablaufplan für ein Workshop und ein Bingo als spielerischer Einstieg in die gemeinsame Arbeit.

Baustein 02: Inwiefern ist die Klimakrise für die Soziale Arbeit relevant?
Was passiert, wenn die Klimakrise nicht nur Gletscher schmelzen lässt, sondern auch soziale Ungleichheiten verschärft? Wer leidet besonders unter Hitzewellen, steigenden Mieten oder Umweltkatastrophen und warum?
Klar ist, die Klimakrise ist nicht nur ein ökologisches Problem, sondern auch ein Soziales. Dabei trifft sie nicht alle Menschen gleich, sondern verstärkt bestehende Ungleichheiten global, aber auch in unserem Arbeitsalltag hier in Deutschland.
Für die Soziale Arbeit ist das besonders relevant. Sie begleitet Menschen, die in herausfordernden Lebenslagen sind. In folgender Einheit wird sich deshalb gezielt mit den Verbindungen zwischen Klimakrise und sozialen Lebensbereichen auseinandergesetzt. Im Fokus stehen dabei Menschen aus verschiedenen Generationen, mit gesundheitlichen Einschränkungen, in prekären Wohnsituationen sowie Menschen, die von Armut betroffen sind und klassistische Erfahrungen machen. Genau diese Gruppen spüren die Folgen der Klimakrise oft zuerst und am stärksten.
Ziel der Einheit ist es, diese Zusammenhänge besser zu verstehen und ihre Bedeutung für die Praxis der Sozialen Arbeit sichtbar zu machen.

Baustein 03: Wie ist Klimapolitik gestaltet und gestaltbar?
Klimaabkommen, Heizungsgesetz und steigende CO₂-Preise: Für viele wirkt Klimapolitik undurchsichtig, unzugänglich und kaum beeinflussbar – obwohl sie unser aller Leben konkret beeinflusst.
Um die ambitionierten Klimaziele zu erreichen, braucht es sowohl strukturelle Veränderungen als auch individuelle Verhaltensänderungen. Die Politik versucht diese zum Beispiel über Steuern und Abgaben anzustoßen. Momentan sind die meisten Länder jedoch noch weit davon entfernt, ihre Klimaziele tatsächlich umzusetzen.
In dieser Einheit geht es darum, ein grundlegendes Verständnis dafür zu bekommen, auf welchen Ebenen Klimapolitik entschieden wird und welche Einflussmöglichkeiten und Formen der Partizipation Bürger:innen haben.
Am Beispiel Wohnen zeigen wir, wie Klimapolitik konkret im Leben der Adressat:innen Sozialer Arbeit wirkt. Dabei möchten wir auch sichtbar machen, dass es Möglichkeiten für Veränderung gibt.
Auf der Grundlage können wir weiter überlegen und ausprobieren, wie Soziale Arbeit und ihre Adressat:innen Einfluss nehmen und Beteiligungmöglichkeiten nutzen können, um ihre Interessen zu vertreten.

Baustein 04: Warum und wie polarisiert Klimapolitik?
Beschränken politische Maßnahmen zum Klimaschutz die Freiheit? Sind sie ein Projekt der Eliten auf Kosten der „normalen Bevölkerung“? Bedrohen Klimaschutzmaßnahmen den Wohlstand des Landes? Verstärken sie soziale Ungleichheit?
Die Energiewende ist weit mehr als eine technische oder ökologische Herausforderung. Sie betrifft unseren Alltag, wirtschaftliche Fragen und Vorstellungen von Gerechtigkeit. Zwar betrifft der Klimawandel alle, wie aber konkret damit umgegangen werden soll, ist Gegenstand kontroverser Debatten, mit denen auch die Praxis der Sozialen Arbeit konfrontiert ist.
Wir beschäftigen uns in diesem Baustein mit kontroversen Narrativen zur Klimapolitik. Wir fragen, welche Gerechtigkeitskonflikte darin verhandelt werden und wie extrem rechte Narrative gegen Klimaschutzmaßnahmen daran anknüpfen und Resonanz gewinnen können. Wir diskutieren, wie uns diese Narrative in der Praxis der Sozialen Arbeit begegnen und wie wir mit ihnen umgehen können.
Ziel ist, kontroverse Klimadiskurse einordnen zu können und Perspektiven für den Umgang mit diesem im sozialarbeiterischen Alltag zu entwickeln.

Baustein 05: Welche Handlungsmöglichkeiten hat die Soziale Arbeit?
Wie kann Soziale Arbeit die Energiewende unterstützen? Wo liegen konkrete Handlungsräume, um ökologische Transformation sozial zu gestalten? Was sind Möglichkeiten und Grenzen, den Interessen von Adressat:innen Sozialer Arbeit in der Klimapolitik Gehör zu verschaffen?
Wir denken: Die Aufgabe Sozialer Arbeit ist nicht, ihre Adressat:innen zu einem „nachhaltigeren“ Lebensstil anzuhalten oder individuelle Verhaltensänderungen einzufordern. Denn Sie sind meist bereits schon stärker von den Folgen der Klimakrise und den sozialen Auswirkungen klimapolitischer Maßnahmen betroffen, als dass sie diese verursachen.
Wir schlagen vor, die gesellschaftlichen Konflikte, die sich in der Klimakrise und ihrer Bearbeitung – insbesondere im Bereich Wohnen – zeigen, aufzugreifen und zu begleiten. Denn weder Klimawandel noch Klimapolitik sind naturgegeben, sondern gesellschaftlich gestaltet. Soziale Arbeit kann dazu beitragen, die Interessen ihrer Adressat:innen in diesen Konflikten zu stärken.
Im folgenden Abschnitt werden verschiedene Handlungsräume vorgestellt, die zeigen, wie Soziale Arbeit auf unterschiedlichen Ebenen aktiv werden kann. Der Schwerpunkt liegt auf der Gemeinwesenarbeit und dem Themenfeld Gebäudeenergie. Die Beispiele verstehen sich als Anregungen und laden dazu ein, sie auf das eigene Arbeitsfeld und die jeweiligen lokalen Bedingungen zu übertragen und weiterzuentwickeln.
Ziel dieser Einheit ist es, unterschiedliche Handlungsräume Sozialer Arbeit im Kontext von Klimakrise und Wärmewende kennenzulernen und ihre Bedeutung für die eigene Praxis zu reflektieren.

Baustein 06: Welche Erfahrungen gibt es in der Praxis der Sozialen Arbeit?
Wie ist es Sozialarbeitenden in der Gemeinwesenarbeit mit Bewohnenden schon mal gelungen, Sanierungsvorhaben mitzugestalten? Was braucht es, um Menschen mit geringen Ressourcen die Partizipation an Prozessen, die sie betreffen, zu ermöglichen? Welche kreativen Ideen gibt es, um in der Praxis der Sozialen Arbeit an einer sozial gerechten Energiewende mitzuwirken?
In diesem Baustein erzählen Sozialarbeitende aus Ihrer Erfahrung und es werden weitere praktische Ideen vorgestellt und gesammelt.
Ziel dieser Einheit ist es, zum Ausprobieren anzuregen.

Reflexion & Ausblick: Was nehmen wir mit?
In dieser abschließenden Einheit blicken wir gemeinsam zurück: Wir fassen zentrale Erkenntnisse zusammen, teilen mutmachende Impulse und entwickeln Perspektiven für gemeinsames Handeln.
Für alle, die sich weiter engagieren möchten, gibt es Tipps zum Vertiefen, Vernetzen und Handeln – mit Links zu Bündnispartner:innen und Praxisbeispielen, wie Klimaschutz und Soziale Arbeit zusammenwirken können.

Diese Bausteine sind Teil des Projekts (Un-) Gerechtigkeit in der Energiewende – Vom digitalen Diskurs zur Lebenswelt. In diesem Forschungsprojekt arbeiten Wissenschaftler:innen des Öko-Instituts, der TU Dortmund und der EH Freiburg interdisziplinär zusammen, um besser zu verstehen, wie gerecht oder ungerecht die Energiewende diskutiert und wahrgenommen wird.