Lieber im Bauwagen als auf der Strasse wohnen
In Freiburg wurde mit einer Studie untersucht, was obdachlose Menschen vom „straßennahen Wohnen“ in Bau- und Wohnwagen halten. 36 Prozent der Befragten benennen dies als erste Wohnoption.

Foto: Symboldbild, Pixabay; hpgruesen
Masterstudierende führen Bedarfsanalyse durch
Die Bedarfsanalyse, wie obdachlose Menschen wohnen möchten, haben drei Studierende des Master-Studiengangs Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule, Alica Bährle, Anouk Schultis-Graf und Wera Manschewski unter der Leitung von Prof.in Dr.in Nina Wehner im Zeitraum von Oktober 2025 bis März 2026 durchgeführt. Ein gutes Viertel der Obdachlosen in Freiburg hat sich beteiligt.
Wohnbedarfe obdachloser oder wohnungsloser Menschen werden häufig auf institutioneller Ebene diskutiert und verhandelt. Die neue Bedarfsanalyse will die Wünsche und Vorstellungen der Betroffenen in den Mittelpunkt stellen. Ziel ist es, nicht über obdachlose Menschen zu sprechen, sondern ihre Perspektiven als zentralen Bezugspunkt zu verstehen.
Initiativkreis „WohnenWagen“ gab Anstoß für Studie
Vor diesem Hintergrund wandte sich der Initiativkreis „WohnenWagen“ an die Evangelische Hochschule, um den Bedarf für ein Projekt für straßennahes Wohnen in Freiburg zu erheben. Die Erhebung sollte als Entscheidungsgrundlage für die Umsetzung des Projekts dienen. Zielgruppe waren diejenigen Menschen, die ohne eine Unterkunft leben, für die das Leben in einer klassischen Wohnung (vorerst) nicht in Frage kommt und die andere Wohnformen, wie Gemeinschaftsunterkünfte, nicht nutzen. Das straßennahe Wohnen soll als alternative Unterkunftslösung genau diese Menschen ansprechen. Der Begriff des straßennahen Wohnens beschreibt eine alternative Unterkunftslösung, die sich zwar im öffentlichen Raum befindet, zugleich jedoch einen geschützten und abgegrenzten Wohnrahmen in Form eines Bau- oder Wohnwagens bietet.
Die Gruppe der wohnungslosen Menschen ist für die Soziale Arbeit wie auch für die Sozialforschung eine sog. Hard-to-reach Zielgruppe. Hard-to-reach beschreibt eine Zielgruppe, die dringend Unterstützung benötigt, diese aber aus unterschiedlichen Gründen nicht in Anspruch nehmen können oder wollen.
Postkartenbefragung ist ohne aufwändige Ressourcen ausfüll- und auswertbar
Für die Erhebung wurde eine Postkartenbefragung eingesetzt, die sich an 199 obdachlose Personen in Freiburg richtete. Mit dem Tool Postkarte können Menschen niederschwellig erreicht werden, vor allem da die Fragen kurz und klar gehalten sind, bspw. indem es Antworten zur Auswahl gibt, das Ausfüllen ohne aufwändige Ressourcen möglich ist, zudem wirkt eine Postkarte im Vergleich zu Fragebögen weniger formal und bürokratisch. Nicht zuletzt ist die Auswertung unkompliziert und weniger zeitaufwändig.
Gefragt wurde z.B. nach Geschlecht, Hundebesitz, Staatsbürgerschaft, Bezug von Sozialleistungen, aber auch nach Befürchtungen oder Vorteilen des straßennahen Wohnens sowie nach der präferierten Wohnform: z.B. Bauwagen, Wohnwagen, Zelt, weiterhin auf der Straße.
Hoher Rücklauf an Antworten
An der Befragung haben sich 53 von 199 Personen beteiligt, d.h. ein gutes Viertel der Zielgruppe. Die Anzahl an Obdachlosen beruht auf Daten der Stadt Freiburg, Amt für Soziales Freiburg, von 2024. Erreicht wurden die obdachlosen Menschen über acht Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe: die OASE, Ferdinand-Weiß-Haus, Pflasterstub‘, KontaktNetz, FreiRaum, Jugendberatung, Straßenschule und Bahnhofsmission. Die Fachkräfte vor Ort waren als „Türöffner“ besonders wichtig, da sie bereits Beziehungen zu den Befragten geknüpft haben. Darüber hinaus wurden sie auch um ihr Feedback zu den Wohnbedarfen aber auch zu den Sorgen um das Wohnen auf der Straße gefragt.
Empfehlungen des Forschendenteams
Das Studierendenteam hat auf Basis der Antworten – aus der Postkartenbefragung, der Feedbackgespräche und aus eigener Fachexpertise – Empfehlungen entwickelt, die sie dem Initiativkreis zur Verfügung gestellt haben. Danach wird das Projekt „WohnenWagen“ unter Berücksichtigung mehrerer Aspekte vorgeschlagen u.a.: Bei der Gestaltung und Planung sollte die Zielgruppe partizipativ einbezogen werden. Die Rahmenbedingungen für die Teilnahme am Projekt müssten auf die Lebenswelten der Zielgruppe abgestimmt sein. Das Forschungsteam empfiehlt auch, die Zielgruppe für das Projekt von obdachlosen Menschen auf wohnungslose Menschen zu erweitern. In Vorbereitung auf die Projektplanung und -umsetzung werden politische Lobbyarbeit sowie eine Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern auf kommunaler und institutioneller Ebene für notwendig erachtet.
Erläuterung zu den Begriffen „wohnungslos“ und „obdachlos“:
Wohnungslosigkeit bezeichnet die Lebenssituation von Menschen, die über keinen eigenen mietrechtlichen oder dauerhaft gesicherten Wohnraum verfügen. Obdachlosigkeit stellt eine spezifische Form der Wohnungslosigkeit dar und liegt vor, wenn Menschen ohne festen Wohnsitz im öffentlichen Raum, im Freien oder in Notunterkünften übernachten, d.h. wohnungslose Menschen ohne Unterkunft. Personen, die vorübergehend in Einrichtungen wie Heimen oder Frauenhäusern untergebracht sind oder bei Angehörigen oder Freund*innen wohnen, gelten demnach als wohnungslos, jedoch nicht als obdachlos.
Hinweis: die Ergebnisse und Begriffserläuterungen sind dem internen Abschlussbericht zum Forschungsprojekt entnommen worden.
Ansprechperson
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Prof.in Dr.in Nina Wehner
Professur für Soziologie; Dekanin Fachbereich I Soziale Arbeit · Fachbereich I Soziale Arbeit
Prof.in Dr.in Nina Wehner
Professur für Soziologie; Dekanin Fachbereich I Soziale Arbeit · Fachbereich I Soziale Arbeit