ev.olve - 01/2022

Erachtens sind Antworten tragfähig, wenn hinter ihnen ein Mensch steht, der ein Bekenntnis vertritt, der eine Mei- nung hat. Dass Sie im Religionsunter- richt als Person gefordert sind, zeigt auch eine aktuelle Studie. Gemeinsam mit Friedrich Schweizer habe ich 2021 eine empirische Arbeit des Theologen Markus Mürle herausgegeben: „Wie effi- zient ist Gott?“ Sie untersucht, welchen Zugang Berufsschüler*innen zu Gott und zur Religion haben, und zeigt auf, dass die Jugendlichen durchaus theolo- gische Fragen stellen und Positionen er- warten. Damit knüpft diese Studie eben nicht an die Forschungstradition an, die diese Schüler*innengruppe meist mit einem gewissen Befremden als religiös defizitär betrachtet. Heute bekennen sich immer weniger Menschen zu einer Konfession. Wie wird Religionsunterricht 2050 aus- sehen? GW— Keine Ahnung! Ich war letzten Herbst auf einer Tagung, die sich genau damit beschäftigte. Wir waren etwa 25 Wissenschaftler*innen – und es gab sehr viel unterschiedliche Statements. Da ist eine große Bandbreite an Meinun- gen und Perspektiven, allein im deutsch- sprachigen Raum. So viel kann man festhalten: Religionsunterricht wird nicht mehr wie im Jahr 1950 sein. Damals hatten wir in Deutschland eine Bikon- fessionalität, mindestens 90 Prozent der Bevölkerung war entweder katholisch oder evangelisch. Heute liegen wir bei diesen Kirchenmitgliedschaften bei etwa 50 Prozent. Nach einer von der Evangeli- schen Kirche in Deutschland und der Ka- tholischen Kirche in Auftrag gegebenen Studie wird sich die Mitgliederzahl der beiden Kirchen bis 2060 sogar halbieren. Und das ist jetzt die Herausforderung, wie Religionsunterricht da strukturiert und gestaltet wird. Vor dem Hinter- grund einer Pensionierungswelle und des Fachkräftemangels, den wir schon haben. Und unter der Voraussetzung von religiöser und kultureller Vielfalt. Ist Konfessionslosigkeit Teil der religiösen Vielfalt? GW— Die Frage ist eher: Was ist Konfessionslosigkeit? 2014 gab es eine Studie an der Universität Bonn und der Technischen Universität Dresden zu Religionsunterricht an den Berufsschu- len in den neuen Bundesländern. Da gab es Klassen, die zu hundert Prozent konfessionslos waren und von evangelischen oder katholischen Religionslehrer*innen unterrichtet wurden. Und trotzdem blieben die Schüler*innen im Unterricht. Warum? Weil die traditionelle Zuordnung zu einer Konfession im Osten nicht mehr da ist. Religion ist dort nicht „evangelisch oder katholisch“, sondern Religion ist die Auseinandersetzung mit theologischen Zusammenhängen, Grenzerfahrungen, Sinn. Und daran sind junge Menschen sehr interessiert. Ist Ethikunterricht die Antwort darauf? GW— Es ist ein typischer Ausdruck unserer Lebenswelt, sich gegen eine re- ligiöse Orientierung zu entscheiden. Und ja, es gibt die These, dass das Bekennt- nis zur Konfessionslosigkeit als Bekennt- nis zu werten ist. Ethikunterricht ist eine mögliche Antwort darauf. Ich bin ein großer Fan davon, dass Ethikunterricht angeboten wird, genauso wie jüdischer und islamischer Religionsunterricht. Allerdings fehlen heute auch schlicht die Fachkräfte, um flächendeckend Unter- richt für die einzelnen Konfessionen zu ermöglichen. Eine Lösung könnte sein, dass es einen christlichen Religions- unterricht gibt, einen, der konfessionell kooperativ, also gemeinsam von katholischer und evangelischer Kirche angeboten wird. Das Modell hierfür gibt es bereits und es könnte generell über- tragen werden. Zudem ist die Gruppe der Konfessionslosen sehr inhomogen. Ein Beispiel: Vor wenigenWochen trat einer meiner Berufsschüler aus dem Religionsunterricht aus. Er ist im Christ- lichen Verein Junger Menschen (CVJM) aktiv, geht mit seinen Eltern in den Gottesdienst – und nun tritt er aus der Kirche aus. „ Warum?“, fragte ich. Nun, ein ihm bekannter Steuerberater sagte ihm, dass er so Geld sparen könne. Wahrscheinlich war seine persönliche Bindung an die Institution Kirche nicht besonders ausgeprägt. Formal ist er jetzt also konfessionslos. Persönlich hat er ein Bekenntnis. Und mit Sicherheit unterscheidet sich dieser Karlsruher Schüler von jenen in Dresden, die zu 70 Prozent ohne religiöse Prägung auf- gewachsen sind. Einer meiner Kollegen vertritt auch die These, dass Menschen konfessionslos seien, weil ihnen die Religion auf keine relevante Frage mehr Antworten bietet. „Konfessionslos“ heißt dabei wohl, nicht nur aus der Kir- che ausgetreten, sondern schlicht nicht interessiert zu sein. Was heißt das für den Religionsunter- richt der Zukunft? GW— Meiner Meinung nach kann es nur mit gemeinsamen Konzepten gelingen, einen flächendeckenden Religionsunterricht anzubieten und die Abmeldezahlen niedrig zu halten. Das gilt besonders für Berufsschulen, an denen Religion einWahlpflichtfach ist und Ethikunterricht als Alternative oft nicht angeboten werden kann. Wenn ich als junger Mensch dieWahl habe, einen Religionsunterricht zu besuchen, der nicht meiner Konfession entspricht, oder lieber zu shoppen oder zu chillen – na, dann entscheide ich mich im Zweifel für Letzteres. Wenn alternativer Unterricht in Ethik oder anderen Konfessionen an- geboten würde, wäre die Situation meist eine andere. Das ist schlicht so. Welche Dissertationen würden Sie in dem Kontext gerne mal betreuen? GW— Aktuell betreue ich eine Disser- tation, die absolut meinen Nerv trifft: Es geht um die Fragen nach Leben und Tod im Kontext der neuen, generalistischen Pflegeausbildung. Diese unterscheidet nicht mehr zwischen Altenpflege, Kinderkranken- oder Krankenpflege, sondern es gibt einen übergreifenden Bildungsplan. Die Themen „Tod und Vergänglichkeit“ sind ein Teil davon. Die Dissertation untersucht, wie der Bildungsplan diese Grundfrage des Menschen aus Sicht der Auszubildenden aufgreift. Das enthält zwei Aspekte, die für mich wichtig sind: Religion als Ausei- nandersetzung mit den Grenzfragen des Lebens und Religion mit Blick darauf, was Schüler*innen wichtig ist. Was mich auch sehr interessieren würde, wäre eine Arbeit zur Frage nach Sinn. Speziell für Jugendliche sind Sinnfragen zwar hoch relevant, aber sie scheinen nicht unbedingt religiöse Relevanz zu haben. Das heißt, es bedarf nicht notwendig kirchlicher Angebote, um Sinnhaftigkeit zu erleben. Ich habe in diesem Zu- sammenhang mal den Begriff „religiöse Touristen“ gelesen. Jugendliche be- dienen sich verschiedener religiöser, spiritueller Angebote. So entsteht ein individuell zusammengestelltes Gebilde, ein Patchwork, auch hinsichtlich der Antworten auf Sinnfragen. Das zeigen die Sinus-Milieus immer wieder und ich habe es in meiner Habilitationsschrift durch Empirie nachgewiesen. Das ist keine Kritik an diesem Umstand und hierin sehe ich auch keinen Ausverkauf des Christentums. Es ist lediglich eine Optionsvielfalt, die sich hier zeigt und die aus einer Vielgestaltigkeit der Gegen- wart folgt. Welche Rolle spielen Werte im Reli- gionsunterricht heute? GW— Heute sindWertefragen wieder ein Thema in Kirche, Theologie und Reli- gionspädagogik. Das ist wichtig, um am gesellschaftlichen Diskurs teilzuhaben, um sich nicht selbst auszuschließen. Dafür müssen wir wissen, was Men- schen umtreibt, was Gesellschaft um- treibt. Die Frage ist: Wie greift man das auf? Und welcheWerte haben Schüler*innen? Da ist die Orientierung im sozialen Nahbereich: Familie und Peergroup. Und Prosozialität ist ein wichtigerWert – sofern sie nicht zu- lasten des eigenen Ichs geht: „Ich engagiere mich gern für dich, wenn es keine Nachteile für mich beinhaltet.“ Als Lehrkraft muss ich dieseWert- orientierungen wahrnehmen, um der kommunikativen Anschlussfähigkeit willen. Aber kann ich destruktiveWert- orientierung beeinflussen – mit ein oder zwei Stunden Religionsunterricht pro Woche? Da tut es gut, bescheiden zu sein. Kinder und Jugendliche haben ein feines Sensorium dafür, wenn man ihnen sagt, was sie denken sollen. Pes- talozzi hat so schön gesagt, man solle sich vor dem „Maulbrauchen“ hüten, also davor, mit Worten zu belehren, und stattdessen lieber „mit Kopf, Herz und Hand“ vorleben, was wichtig ist. Der Unterricht sollte viele Sinne ansprechen und an das anschließen, was für Kinder oder Jugendliche von Bedeutung ist. × Rebekka Sommer Der Master-Studiengang Religionspädagogik qualifiziert Absolvierende u. a. für eine zukunfts- fähige Berufstätigkeit im Rahmen kirchlicher Bildungsarbeit, z. B. für den Religionsunterricht in allgemeinbildenden Schulen (Sekundarstufe I) und beruflichen Schulen (inkl. Sekundarstufe II). Er kann berufsbegleitend und konsekutiv studiert werden. Mehr Infos unter: www.eh-freiburg.de/ma-rp „Religion kann eine lebensverän- dernde Orientie- rung geben.“ ev.olve 2 8 2 9 GeorgWagensommer

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