„Ich kann es nicht mehr hören!“ - Erziehung nach Auschwitz

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Wir haben schon das Tagebuch der Anne Frank gelesen“, so die unwillige Reaktion von Schülern, als der Religionslehrer Texte von Auschwitz-Überlebenden in den Unterricht mitbringt. Repräsentativer Alltag? Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann sagt „Nein“. 65 Jahre nach Kriegsende kann Erziehung nach dem Holocaust in Deutschland ganz anders aussehen! Die UNESCO widmet dieser Frage im Herbst 2010 eine Sonderpublikation mit einem umfassenden Beitrag von Schwendemann.

Erziehung vor und nach Auschwitz – eine Bestandsaufnahme

(1) Einstieg
„Ich kann es nicht mehr hören!“ sagen die Schüler, als der Religionslehrer Texte von Auschwitz-Überlebenden in den Unterricht mitbringt. „Wir haben schon das ‚Tagebuch der Anne Frank’ gelesen, wir haben in Geschichte, Gemeinschaftskunde und Deutsch ‚darüber’ gesprochen. Jetzt ist es genug!“ Der Lehrer beginnt, an diesen Blockaden zu arbeiten. Er lässt die Schüler ihre Gedanken, Gefühle und ihre Abwehr ausdrücken. Ein spannender Lernprozess beginnt. Man arbeitet an den Rollen der Täter, der Opfer, der Zuschauer und an den Familienbiografien der Schüler. Am Ende sagen einige: „So haben wir noch nie über den Holocaust gesprochen!“
Diese Szene ist nicht repräsentativ, aber Beispiele dieser Art gibt es viele. Sie zeigt, wie ambivalent die Erfahrungen in der Erinnerungsarbeit an Auschwitz in Deutschland sind. Gelingen und Scheitern liegen of nahe zusammen.

 

(2) Best practice – Beispiele für die Erziehung nach Auschwitz
Geschichtliche Neugier und Aufnahmebereitschaft sind innerhalb und außerhalb der Schule wichtige Größen im Rahmen von Lernprozessen, die vom Engagement der lehrenden Personen abhängen.
Am Beispiel von zwei gelungenen Projekten der außerschulischen und der schulischen Erinnerungsarbeit zeigen wir die Möglichkeiten auf, wie in der vierten Generation nach Auschwitz Erinnerung für die Zukunft gelernt werden kann, ohne dass jugendliche Identitäten gestört werden. Über die Kinder und Kindeskinder der Holocaustopfer liegen zahlreiche Studien vor, die die Spätfolgen bis in die zweite und dritte Generation nachweisen. Auch über die Kinder und Kindeskinder der Täter gibt es mittlerweile zahlreiche Berichte und Forschungsergebnisse. Aber: In den Familien war das Schweigen und Verdrängen lebensbestimmend und es ist empirisch gesichert, dass die Spätfolgen und die indirekten Wirkungen des Nationalsozialismus weit in die nachfolgenden Generationen hineinwirken.

a. Mahnmalprojekt
Innerhalb des ökumenischen außerschulischen „Mahnmalprojektes“ (Steine gegen das Vergessen) der Erzdiözese Freiburg und der Evangelischen Landeskirche in Baden haben sich Jugendliche aus ganz Baden in den letzten 10 Jahren mit dem Thema Judenverfolgung und Nationalsozialismus befasst. Hierbei stand die Deportation von ca. 6500 jüdischen Menschen aus 137 Städten Badens am 22. Oktober 1940 im Vordergrund. Die Jugendlichen interviewten Zeitzeugen, forschten nach Fotos, sichteten Akten und stellten der Öffentlichkeit anschließend ihre Ergebnisse in Ausstellungen, Videos oder Computerpräsentationen vor. Dabei berichteten sie von Verachtung, Gewalt und Brutalität, zeigten aber auch Beispiele der Solidarität und Hilfsbereitschaft und zogen Schlüsse für ihr eigenes Handeln. Jede Projektgruppe gestaltete zwei „Memorialsteine“. Einer blieb zur Mahnung an die Deportation der jüdischen Bürger im Heimatort der Gruppe, der andere wurde Teil des zentralen Mahnmals in Neckarzimmern.
Das Mahnmal besteht aus einem 25 mal 25 Meter großen geflochtenen Davidstern, der auf einer Wiese als Betonband in den Boden eingelassen wurde. Darauf wurden die Memorialsteine der Projektgruppen festgemacht. Für die Tagungsstätte sprach, dass dort während des Zweiten Weltkrieges Zwangsarbeiter interniert waren und dass 1940 aus Neckarzimmern auch Juden deportiert wurden. Bislang gab es noch keine zentrale Gedenkstätte für die Deportierten. Das Projekt wurde auf nachhaltiges Lernen evaluiert und die Ergebnisse zeigen den Lernerfolg. Das Projekt legte zudem den Grundstein für heutige Versöhnungs- und Begegnungsarbeit zwischen jüdischen und christlichen Jugendlichen.

b. Projekt Spurensuche- „erinnern und begegnen“ - Fotogeschichten-Kalender
Das fächerübergreifende Projekt Spurensuche- „erinnern und begegnen“ - Fotogeschichten-Kalender wurde von der Realschule Breisach und der Evangelischen Hochschule Freiburg im Jahre 2000 realisiert. Grundlage des Projektes war die Lektüre des Buches von Hans-Peter Richter „Damals war es Friedrich“, das die Judenverfolgung im Nationalsozialismus aus der Sicht eines Kindes thematisiert. Die Schüler erarbeiteten sich selbstständig den historischen Rahmen. Ergebnisse wurden ans schwarze Brett geheftet und um Briefe, Tagebucheinträge, Bilder usw. ergänzt. Geplant wurden 12 Bilder zu Spuren jüdischen Lebens samt den passenden Geschichten aus der Umgebung der Schule in Breisach (Kaiserstuhl, Breisgau). Die Schüler recherchierten in ihren jeweiligen Heimatorten und führten Interviews mit noch lebenden Zeitzeugen. Nach einem Unterrichtsgang nach Ihringen/Kaiserstuhl hatte das Grauen für die Schüler konkrete Namen bekommen. Sie realisierten, dass ganze Familien ermordet worden sind. Die Klasse reagierte mit Betroffenheit und es entstand ein Plakat in Fluchtpunktperspektive, Zielpunkt ist Gurs. Die Klasse wählte den häufig vorkommenden jüdischen Namen „BLOCH“. Innerhalb eines ganztägigen Projekttages entstanden so großformatige Plakate und der Kalender mit der Rekonstruktion der Biografie des Ihringer Bürgers Hermann Bloch.

 

(3) Gründe für das Scheitern der Erziehung vor und nach Auschwitz
Schulmedien orientieren sich wenig an aktueller geschichtswissenschaftlicher Forschung

Seit Mitte der 1980er Jahre wurden der Unterricht und die Schulmedien immer wieder quantitativen und qualitativen Untersuchungen unterzogen, wobei aber schon 1987 resigniert ein ’inadäquates Verhältnis‘ zwischen Geschichtswissenschaft und Schulbuchproduktion festgestellt werden konnte. Die Verfasser von Schulmedien würden sich eher an die Lehrpläne und Richtlinien halten, als an die jüngeren Ergebnisse der geschichtswissenschaftlichen Forschung.
Im Freiburger Forschungsverbund „Geschichte und Erinnerung“ (Universität Freiburg, Evangelische Hochschule Freiburg, Katholische Hochschule Freiburg, Pädagogische Hochschule) wurde seit 1998 mit der Aufgabe geforscht, Einsichten in die psychosoziale Dynamik des Nationalsozialismus, in die Mechanismen seiner Genese, politischen Durchsetzung und Tradierung auf die jetzige Generation zu gewinnen. Ausgangspunkt dieses Projekts war die Frage: Wie konnten Hitler und die NSDAP die ‚Herzen’ von Millionen von Menschen gewinnen?
Der Nationalsozialismus gehört zwar zu den meist erforschten Epochen der Zeitgeschichte, aber gleichzeitig macht sich pädagogisches Verstummen breit bei dem Versuch, diesen Zeitabschnitt so zu unterrichten, dass nicht nur Informationen und Kognitionen vermittelt werden, sondern Schüler gegen Unrecht sensibilisiert werden.
Jeder Schüler verfügt zwar über ein vages Vorwissen aus der NS-Zeit, das weitestgehend durch die Groβväter oder Väter vermittelt worden war. Doch diese Schüler erlebten nicht selten einen Widerspruch zwischen dem, was in der Schule gelehrt wurde und dem, was sie durch ihre Familie erfahren hatten.

Lehrende sind mit Psychologie der NS-Ideologie kaum vertraut 
Ein Grund für das vielfache Scheitern von Erinnerungslernen ist das Problem, dass sowohl Lehrende als auch Lernende mit der Psychologie der NS-Ideologie wenig vertraut sind und sich so in wohlmeinender pädagogischer Absicht unterrichtliche Fehleinschätzungen einstellen können, indem NS-Ideologiefragmente im Unterricht übernommen werden. Die Tiefenstruktur der NS-Machtausübung kann man als bewusst eingesetzte emotionale Abhängigkeiten charakterisieren, die viel mit der Abhängigkeit von Drogen und Rauschmittel gemeinsam haben, sodass auch nach dem Ende der NS-Gewaltherrschaft in vielen Teilen der Bevölkerung ein emotionaler Aggregatzustand nachweisbar war, der Entzugserscheinungen z.B. eines Drogenabhängigen ähnlich gewesen ist.

 

Schuld muss bekannt und angenommen werden
Wir sind überzeugt, dass man aus der Geschichte nur dann lernen kann, wenn Schuld bekannt und angenommen wird. Wenn im Unterricht Medien eingesetzt werden, die den Nationalsozialismus demonstrieren, kommt es zu Anschlussreaktionen bei den Rezipierenden und es entstehen vergleichbare Wirkungen wie bei den Erstadressaten. Wenn die Gefährlichkeit der NS-Ideologie aufgrund von Verdrängung sprachlich nicht scharf benannt werden kann, erhöht sich die Attraktivität der Ideologie, die durch Tabuisierung als magischer Raum definiert wird. Die Folgen auf die Reden Hitlers sind Wahrnehmungsverzerrungen, regressives Verhalten, Verlust von Realitätskontrolle, Verwirrungen, Fesselung der kognitiven Fähigkeiten, Faszination als gefesselte Aufmerksamkeit. Dieser Mechanismus ist in der NS-Ideologie kombiniert mit kollektiver Schamabwehr, Schamverdrängung, Schamüberwindung und Schamlosigkeit. Unsere empirischen Untersuchungen über die Wirkung des Unterrichts über Nationalsozialismus belegen diese Wirkungen als Übertragungsphänomene. Narzisstische Strukturen und Angebote sind in der NS-Ideologie so eingesetzt worden, dass amoralische Begehren so umdefiniert wurden, dass sie in ein moralisches System eingebunden werden konnten.

Ein Erklärungsversuch des Scheiterns von Erinnerungslernen könnte in der generationalen Weitergabe schuldhafter Kriegserfahrungen liegen, wobei in den NS involvierte Eltern und Großeltern die Beziehung zu den Kindern bzw. Enkeln entsprechend ihrer eigenen psychischen Deformation gestaltet haben.

Lernen aus Geschichte hat erst jetzt begonnen
Als erschreckendes Fazit bleibt, dass das Lernen aus der Geschichte erst begonnen hat und dass NS-Ideologiefragmente immer noch in unserer Gesellschaft wirksam sind, die den gleichen Mustern folgen wie zwischen den beiden Weltkriegen und im Unterricht zu Blockaden führen. Unreflektierter Sprachgebrauch im Zusammenhang mit Unterricht über NS wiederholt nationalsozialistisches Denken, das durch dämonisierende Begrifflichkeit geradezu resymbolisiert wird.

 

 

(4) Perspektiven für die Erziehung vor und nach Auschwitz in Deutschland für die kommenden Generationen
Erinnerungslernen darf keineswegs vergangenheitsfixiert bleiben. Im Gegenteil: Durch Erinnerung und Anamnese als Glaubensakt werden Vergangenheit ‚vergegenwärtigt’, das heißt in die aktuelle Gegenwart gesetzt.
Historisches Bewusstsein ist dadurch gekennzeichnet, dass es zwar an vergangenen Ereignissen ansetzt und sich in Auseinandersetzung mit ihnen ‚bildet’, dass aber gerade dieser Bildungsprozess eine Verortung in der Gegenwart ermöglicht.

 

Geschichte muss erlebt werden - Humanität  muss gelernt werden
Historische Sensibilisierung ist ein erster Schritt, der zu einer intensiven Auseinandersetzung und schließlich zur religiösen und historischen Identitätsbildung führen kann. Das menschliche Selbstkonzept ist geradezu erinnerungsgeleitet: Erfahrungen, Sozialisation, bewusste und unbewusste Gedächtnisinhalte bestimmen über unsere Ich-Identität.
Geschichte muss folglich erlebt werden, dass sie etwas ‚mit mir’ zu tun hat. Nur dann wenn das Ich in seiner Existenz, d.h. wenn die Identität des (jungen) Menschen betroffen ist, kann so etwas wie Verhaltensänderung geschehen.
Im Zusammenhang mit Auschwitz als der absoluten Inhumanität kann dies nur bedeuten, dass Menschen etwas gelernt haben, wenn sie ‚Humanität’ gelernt haben. Somit bedingen sich Erinnerungslernen und Lernen des Humanum gegenseitig.
„Erziehung nach Auschwitz“ ist gleichbedeutend mit „Erziehung zur Humanität“. Die Lernenden lernen in der Konfrontation mit den historischen Themen nicht nur etwas über die Situation damals, sondern auch etwas über heute und vor allem etwas über sich selbst.

Die pädagogische Hoffnung ist, dass die so angestoßene Potenzialität der Verhaltensänderung in einen Lernprozess zu zivilcouragiertem und solidarischem Handeln mündet. Von daher sind bisherige Ansätze zur Menschenrechtspädagogik dringend um die Dimension des historischen und religiösen Lernens zu erweitern und damit um die Dimension der Achtsamkeit.

Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann

 

Download

Boschki, Reinhold; Schwendemann, Wilhelm (2010): “I can’t hear it any more!” – Education after and about Auschwitz in Germany. Contribution for: Prospects – UNESCO Quarterly Review of Comparative Education Special Issue on ‘Policies and Practices of Holocaust Education: International Perspectives’

 

Zur Person des Autors

Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann ist seit 1995 Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Er ist Stellvertretender Sprecher am FIM – Freiburger Institut für Menschenrechtspädagogik.

 

Forschungsschwerpunkte

  • Interreligiöse Lernprozesse
  • Antisemitismusforschung
  • Forschungsprojekt: Antisemitismus und Nationalsozialismus als Themen des Unterrichts
  • Forschungsprojekt: Gott der Kinder
  • Forschungsprojekt: Medienrezeption und religiöse Sozialisation bei Jugendlichen

Kontakt

Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
schwendemann@eh-freiburg.de

Links, die zum Thema passen

FIM – Freiburger Institut für Menschenrechtspädagogik

 
 
 
 

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