Thiersch und Kraus: Wie viel Wahrheit ist möglich?

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Ist Lebensweltorientierung naiv sozialromantisch und lässt sie dabei die "tatsächlichen" sozialen und materialen Bedingungen unangemessen außer Acht? Wie viel Wahrheit ist möglich und wie viel Wahrheit ist angemessen? Hans Thiersch und Björn Kraus diskutierten zu dieser komplexen Fragestellung im Juni 2017 vor und mit Studierenden und Gästen der Evangelischen Hochschule Freiburg.

 

Mit dem Format der öffentlichen Wissenschaftsgespräche haben Kraus, Professor für Wissenschaft Soziale Arbeit, und Thiersch, Professor für Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik, bereits 2014 an der Evangelischen Hochschule begonnen. Es bietet eine Plattform, wissenschaftliche Positionen vor und mit Publikum - mit Wissenschaftler*innen, Fachkräften aus der Praxis und Studierenden - zu diskutieren.

 

Björn Kraus setzte sich zunächst aus der Perspektive seines Relationalen Konstruktivismus mit den Vorwürfen auseinander, die bezüglich der Möglichkeit von Wahrheit gegenüber konstruktivistischen Positionen formuliert werden. Der Kritik, konstruktivistische Positionen würden die Beliebigkeit kognitiver Konstruktionen betonen, begegnete er mit seinem relational-konstruktivistischen Lebensweltverständnis. Kraus betonte: "dass die Lebenswelt eines Menschen zwar das Ergebnis subjektiver Konstruktionsprozesse ist, dieses Ergebnis aber nicht in einem ‚luftleeren Raum‘, sondern unter den jeweiligen sozialen und materiellen Bedingungen Bestand haben muss."*

 

Der Konstruktivismus sei nicht blind für die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge. Zu unterscheiden sei zwischen "Lüge als einer Aussage, die dem eigenen für wahr halten widerspricht" und verschiedenen theoretischen Konzepten von Wahrheit, führte Kraus aus. In der Diskussion der Korrespondenztheorie, der Konsenstheorie und der Kohärenztheorie der Wahrheit verdeutlichte er, dass „konstruktivistisch zwar ein absolutes Wahrheitsverständnis bestritten wird, gleichwohl die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge möglich ist“.

 

Hans Thiersch schloss sich diesen Ausführungen an. Er diskutierte aus seiner Perspektive einer Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit die "Risiken und Nebenwirkungen" von zu wenig, aber vor allem von zu viel Wahrheit: „Ab wann ist Wahrheit eine unangemessene, übergriffige und weder moralisch noch fachlich begründete Zumutung?“ Er sprach sich gegen eine für die Soziale Arbeit untaugliche Forderung nach unbedingter Wahrheit aus.

 

Historisch verwies er darauf, dass zwar schon in der Antike ein Anspruch auf Wahrhaftigkeit formuliert worden sei, dieser aber mit Hilfsklauseln versehen war. Es waren Überlebenstaktiken des Ausweichens bekannt, die dann von Augustinus und von Kant unter dem Primat einer unbedingten Wahrhaftigkeit zur Seite geräumt und als Verfehlung denunziert wurden. Dem hielt Thiersch entgegen: "Seit der Antike steht gegen das Postulat der Wahrhaftigkeit der Einspruch der praktischen Philosophie, der unbedingte Wahrheitsanspruch verkenne die menschlichen Verhältnisse, er überfordere sie in ihrer konkreten Bedingtheit."**

 

Davon ausgehend diskutierte er sowohl die Risiken fehlender Wahrhaftigkeit, als auch den Nutzen von Lügen etwa zur Alltagsbewältigung, als Stigmamanagement, als soziale Funktionalität und als Selbst- und Fremdschutz.

 

In der anschließenden Diskussion waren sich die beiden Wissenschaftler darin einig, dass für eine professionelle Praxis die Auseinandersetzung mit den Kategorien Lüge und Wahrhaftigkeit, Wahrheit und Falschheit erforderlich ist. Diesbezüglich sei zunächst die erkenntnistheoretische Auseinandersetzung unumgänglich, um überhaupt entscheiden zu können, welches Verständnis von Wahrheit und Falschheit überhaupt als möglich gälte. An diese Reflexion des "Könnens" müsse aber notwendig die fachliche Reflexion des "Sollens" anschließen, so Kraus und Thiersch.

 

Ein Primat der "Wahrhaftigkeit um jeden Preis" lehnten Hans Thiersch und Björn Kraus ab. Denn zum einen lasse sich mündiges und freies Leben nicht nur im Rahmen unbedingter Wahrhaftigkeit realisieren. Zum anderen sei zu fragen, wie viel Unwahrhaftigkeit für den Einzelnen und für soziale Systeme mit dem Ziel gelingenderen Alltags und eines guten Lebens notwendig ist. Fachlich im Blick zu halten sei dabei das Spannungsfeld zwischen der Akzeptanz individueller Balancen von Wahrhaftigkeit und Unwahrhaftigkeit sowie dem Widerstand gegenüber Tendenzen, die hieraus den Verzicht auf Unterstützung, Aufklärung und Perspektivenerweiterung ableiten.

 

* Kraus, Björn 2017: Plädoyer für den Relationalen Konstruktivismus und eine Relationale Soziale Arbeit. (Forum Sozial, 1/2017), http://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/51948

** Thiersch, Hans 2015: Unerkannt lassen - Gefahren und Grenzen von Aufdeckungsarbeit in der Beratung. In: Thiersch (Hg.) Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung. Beltz/Juventa. S. 324-342

 

 

Freiburg, 26.07.2017

 

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Kontakt

Prof. Dr. Björn Kraus

Prorektor der EH Freiburg

Wissenschaft Soziale Arbeit

E-Mail: bkraus@eh-freiburg.de ; Link: ausgewählte Veranstaltungen von Björn Kraus

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