In der Kritik: Internationale Definition Sozialer Arbeit

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Was ist Soziale Arbeit? Diese Frage führt im deutschsprachigen und internationalen Raum zu einem ständigen Ringen um die weltweit als richtig verstandene Auslegung. Aktuell üben Professorin Silvia Staub-Bernasconi und Professor Björn Kraus deutliche Kritik an der internationalen Definition Sozialer Arbeit. Einer der Gründe hierfür ist, dass das zentrale Charakteristikum Sozialer Arbeit verloren gegangen sei: die Betrachtung und Bearbeitung der Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft.

 

Der regelmäßige Diskurs zur Bedeutung von Sozialer Arbeit stärkt einerseits die Selbstverständigung in der Profession und Disziplin und andererseits die Positionierung der Fachszene nach außen. Doch vor allem geht es darum, die Disziplin Soziale Arbeit inhaltlich weiter zu entwickeln und auf diesem Wege gesellschaftlichen Veränderungen gerecht zu werden. Für die lokale Praxis und Politik gibt die Definition Sozialer Arbeit Orientierung aber auch Verpflichtung und Legitimation für das tägliche Handeln wie für Grundsatzentscheidungen.

 

Anlass für eine Diskussion der Definition bot das 10jährige Jubiläum des DGSA-Doktorandenkolloquiums an der Evangelischen Hochschule Freiburg Ende März 2017. Gemeinsam mit den Teilnehmer*innen des Kolloquiums setzten sich Staub-Bernasconi und Kraus insbesondere mit der aktuellen, 2014 verabschiedeten internationalen Definition Sozialer Arbeit auseinander. Dabei näherten sie sich der Thematik aus sehr unterschiedlichen theoretischen Positionen. Zudem legte Staub-Bernasconi den Blick vor allem auf die internationale Genese und deren historische Entwicklung der Abstimmung. Hingegen stellte Kraus auf die Entwicklungen im deutschsprachigen Raum im Kontext der disziplinären Debatte um den Gegenstand Sozialer Arbeit ab.

 

Manche Veränderungen seien zwar - so die beiden Professor*innen - in ihrer politischen Genese nachvollziehbar, würden fachlich aber Fragen aufwerfen. So würden in der erweiterten Aufzählung normativer Positionen die Kriterien der Menschenrechte und der Sozialen Gerechtigkeit ihre zentrale Rolle verlieren. Kraus und Staub-Bernasconi befassten sich zudem mit dem nationalen und internationalen Streit über den Stellenwert von "indigenous knowledge" in der neuen Definition und diskutierten fehlerhafte und irreführende Übersetzungen.

 

Trotz grundlegend unterschiedlicher Ausgangspositionen gibt es bei Kraus und Staub-Bernasconi deutliche Überschneidungen in ihrer Kritik an der jüngsten Definition Sozialer Arbeit. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist, dass für beide in der neuen Definition ein wesentliches Charakteristikum Sozialer Arbeit fehlt. Die Fokussierung der Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft („person-in-environment“) sei nicht mehr enthalten. Während es in der vorangegangenen Version von 2000 noch hieß: ”social work intervenes at the points where people interact with their environments”, steht in der neuen Fassung von 2014: “social work engages people and structures to address life challenges and enhance wellbeing.” Damit wird zwar mit Menschen und Strukturen eine Entsprechung zu Menschen und Umwelten benannt.

Verloren geht jedoch die ausdrückliche Benennung des wechselseitigen Verhältnisses (interact). Stattdessen zählt der Entwurf lediglich Menschen und Strukturen als Adressaten Sozialer Arbeit auf („and“). Dies erschwert zudem die Ein- und Abgrenzung der Sozialen Arbeit gegenüber anderen Professionen und Disziplinen wie zum Beispiel der Psychologie und der Soziologie. In diesem Sinne wurde von verschiedenen Seiten schon im Vorfeld auch gegenüber der IFSW - International Federation of Social Workers - argumentiert und für die Beibehaltung des Verweises auf „the point where people interact with their environments” plädiert.

 

„Keine Definition ist endgültig“, ist Kraus überzeugt, und sowohl Profession als auch Disziplin kämen nicht umhin, um Definitionen und deren Weiterentwicklung zu ringen. „Dies international zu leisten, ist für eine Profession nur folgerichtig und angesichts einer zusehends globalisierten Welt sicher ein sinnvolles Vorgehen. Gleichwohl hat gerade die internationale Diskussion im Vorfeld der neuen IFSW Definition gezeigt, wie unterschiedlich die Zugänge und Perspektiven in Afrika, Asien-Pazifik, Europa, Lateinamerika, Nordamerika und der Karibik sind (…). Insofern kann eine internationale Definition bislang keine nationalen Bestimmungsversuche ersetzen. Denn die Vorstellung, was Soziale Arbeit leisten soll, kann nicht unabhängig von den (gegebenenfalls sub-)nationalen und makro-regionalen jeweiligen politischen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Bedingungen bestimmt werden“, so Kraus. (Björn Kraus, 2016).

 

Freiburg, 10.04.2017

 

Mehr Info

Was ist Soziale Arbeit? Zur internationalen Definition und nationalen Bestimmungsversuchen (Forum SOZIAL, 3/2016).

Kraus, Björn (2016) 

 

Kontakt

 

Wissenschaftliche Leitung und Veranstalter der DGSA-Doktorandenkolloquien

Prof. Dr. Björn Kraus

Evangelische Hochschule Freiburg

bkraus@eh-freiburg.de

 
 
 
 

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