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Gibt es Gerechtigkeit nach sexuellem Missbrauch?

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© PantherMedia / MattiaATH

Kann es Recht und Gerechtigkeit nach der Erfahrung sexuellen Missbrauchs in Kindheit und Jugend geben? Welche Erwartungen haben heute Betroffene, wie sieht die Perspektive der Justiz auf das Thema aus und welche Erkenntnisse bietet die internationale Forschung? Diese Fragen untersucht das Freiburger Institut zu Geschlechterforschung SoFFI F. unter Leitung von Professorin Cornelia Helfferich. Auftraggeber ist die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Das Forschungsprojekt ist im April 2020 gestartet und läuft bis März 2022.

Das Projekt baut auf der Studie „Erwartungen Betroffener von sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend an gesellschaftliche Aufarbeitung“ auf. In den Interviews der Studie zeigte sich ein Ringen um die Frage, ob Gerechtigkeit nach dem Erleben sexueller Gewalt überhaupt möglich ist.

Auf Basis der Studie wurden Forschungsfragen entwickelt, die nach der Perspektive von Betroffenen sexuellen Kindesmissbrauchs zu gerechteren Verhältnissen im Hier und Heute führen und wer dafür Verantwortung übernehmen sollte? Gibt es für dieses Thema geeignete Verfahren jenseits des (Straf-)Rechts, die zu mehr Gerechtigkeit beitragen können? Können wir von der Forschung zu Wahrheitskommissionen lernen? Wie sehen Betroffene den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit und was erwarten sie vom Rechtssystem?

Das Projekt nimmt auch die Perspektive der Justiz in den Blick, zum Beispiel mit der Frage, wie Vertreter*innen der Justiz die Erwartungen Betroffener an das Recht und ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit einschätzen und ob es Verständigung geben kann.

Die internationale Forschung zur Auswirkung von Unrechtsverhältnissen wie sexuelle Gewalt auf das Verständnis Betroffener von Gerechtigkeit ist ebenfalls Projektgegenstand. Darüber hinaus wird untersucht, welche Bedeutung die Auseinandersetzung mit Gerechtigkeit im Kontext zurückliegenden Gewalterlebens unter den gesellschaftlichen Bedingungen der 1950er bis 1990er Jahre für den Schutz heutiger Kinder und Jugendlicher hat?

Die neue Studie wird partizipativ unter aktiver Beteiligung von Betroffenen durchgeführt. Für sie wird ein Ethikvotum bei der Ethikkommission der Alice Salomon Hochschule Berlin eingeholt. Diese Vorgehensweise wurde von SoFFI F. bereits in anderen Forschungsprojekten erprobt und hat sich bewährt. Es wird eine feste Forschungsgruppe aus Betroffenen gegründet, die sich regelmäßig trifft, die Forschungsfragen weiterentwickelt und Auswertungsschritte diskutiert. Um eine größere Anzahl von Betroffenen einbinden zu können, werden zusätzlich Fokusgruppen durchgeführt. Betroffene werden zu bestimmten Themen eingeladen. Der Betroffenenrat bei Unabhängigen Beauftragten wird informiert und einbezogen.

Eine Kooperation ist mit Prof.in Dr.in Marianne Hester (Universität Bristol / Universität Göteborg) vereinbart, die zur Thematik der Gerechtigkeit aus der Perspektive von Betroffenen häuslicher Gewalt geforscht hat.

Die Ergebnisse werden zukünftig auf einer Projekt-Webseite veröffentlicht.

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs wurde am 26. Januar 2016 vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs auf Grundlage des Beschlusses des Deutschen Bundestags vom 2. Juli 2015 berufen. Die Kommission wurde damit beauftragt, sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR zu untersuchen.

Leitung/Mitarbeit im Projekt

Institutsleitung SoFFI F.: Prof.in Dr.in Cornelia Helfferich
Projektleitung: Prof. Dr. Barbara Kavemann
Wissenschaftliche Mitarbeit: Bianca Nagel M.A., Adrian Etzel M.A.

Mehr Info zum Projekt

http://soffi-f.de/wege-zu-mehr-gerechtigkeit

Das Sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen (SoFFI F.) ist Teil des Forschungs- und Innovationsverbundes (FIVE) an der Evangelischen Hochschule Freiburg.