ev.olve - 04/2024

Karierre in derWissenschaft: Beruf oder Berufung? Frieden ist für mich ein Lebensthema. Eine Berufung, auch wenn das ein gro- ßesWort ist. Ich forsche viel zu Frieden, Konflikten sowie Gewalt und arbeite praktisch in diesem Bereich. Die Aus- einandersetzung mit diesen Themen als normalen Beruf zu leben, ist nur bedingt möglich. Wer eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, muss menschlich wie fachlich hohe Einsatzbereitschaft und Motivation zeigen, die deutlich über Pflichterfüllung hinausgehen. Mir ist aber auch bewusst, dass es ein Privileg und großes Glück ist, so vielseitig arbeiten zu können wie ich. Ich erlebe es als eine innere Erfüllung, mich mit meinen Themen auseinander- zusetzen, und könnte mir kaum vor- stellen, etwas anderes zu machen. Eine Zeit lang hatte ich auch denWunsch, Ärztin zu werden. Aber die Terroran- schläge am 11. September 2001 und der vielfach oberflächlich geführte Diskurs darüber waren für mich ein Auslöser, tiefergehend über friedliches Zusam- menleben, die Ursachen gesellschafts- politischer Konflikte und Potenziale für Transformation nachzudenken. Da genau hinzuschauen, setzt eine sensibilisierte Wahrnehmung voraus und kann auch belasten. Es ist wichtig, auf sich selbst zu achten und zu reflektieren: Bin ich müde vom Arbeitspensum oder von den intensiven Themen? Ich habe mit Men- schen in den ukrainischen Grenzgebie- ten zu tun, in Israel, in Palästina. Ihnen kann ich nicht nur akademisch-analytisch begegnen, da brauche ich auch Mit- gefühl und Menschlichkeit. Aber es darf mich nicht so mitreißen, dass ich nicht mehr handlungsfähig bin. Mein Bruder ist Psychotherapeut. Bei ihm gehört Selbstfürsorge zur Aus- bildung. In der Forschung und auch bei uns in der Friedens- und Konflikt- forschung wird das zu wenig diskutiert. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, wie unserWissenschaftssystem funktio- niert. Es ist sehr kompetitiv und bietet wenig sichere Perspektiven. Denken wir nur an die Unterfinanzierung in Deutschland und Österreich oder das Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Ich er- lebe es aber als ermutigend, dass junge Wissenschaftler*innen sich über ihre Erfahrungen verstärkt austauschen und gegenseitig unterstützen. Es gibt immer wieder besondere Mo- mente, in denen ich meine Arbeit als sinnvoll und erfüllend empfinde. Zum Beispiel habe ich Feldforschung bei den Lakota in den USA gemacht, die bis heute marginalisiert und diskriminiert sind. Trotz vieler negativer Erfahrungen im Kontext der Kolonialisierung und Ko- lonialität – auch mit Forschung − ist ein vertrauensvolles Verhältnis entstanden. Dafür bin ich dankbar. Damit einher geht eine große Verantwortung und ebenso die Notwendigkeit, die eigenen Positio- nen und Positionalität zu reflektieren – insbesondere, wenn man die eigene Tätigkeit als Berufung erlebt. „Ich erlebe die Auseinandersetzung mit meinen Themen als sehr erfüllend.“ „Wo Menschen etwas aus Leidenschaft machen, sind Grenzen wichtig.“ Bei mir sind es 80 Prozent Berufung und 20 Prozent Beruf. Ich bin der Überzeu- gung, dass Menschen in der Sozialen Arbeit ohnehin in Richtung Berufung tendieren. Die Arbeit mit Menschen erfordert immer auch eine gewisse Haltung. Wir müssen Leidenschaft mitbringen. Sonst könnten wir in vielen Bereichen nicht immer wieder wichtige Impulse einbringen. So gesehen ist mein Fachgebiet oft mehr Herzensan- gelegenheit als Berufstätigkeit. Das hat auch seine Schattenseiten, denn es braucht Abgrenzung. Dazu gehört, dass die Soziale Arbeit immer noch nicht das politische und gesellschaftliche Ansehen hat, das sie haben sollte. Das ist mein Hauptantrieb, warum ich mich im Be- rufsverband für Soziale Arbeit engagiere. Dort bin ich 1. Vorsitzende für Baden- Württemberg, weil es mir wichtig ist, Sozialer Arbeit eine Stimme zu geben. Von den Kontakten zu den Praktiker*in- nen im Verband profitiert wiederum mei- ne wissenschaftliche Arbeit: Forschung und Lehre sollen schließlich nicht an der Arbeitsrealität vorbeigehen. Was ich hier an der EH Freiburg mache, ist meine Leidenschaft. Mein Schwer- punkt alsWissenschaftliche Mitarbei- terin ist die Lehre. Ich bin dankbar für die Freiheit der Lehre und freue mich, wenn meine Beiträge zu Diskussionen anregen. Das gibt mir das Gefühl, eine sinnvolle Arbeit zu machen. Mit meinem Lehrkonzept „Wissenschaft als Haltung“ versuche ich, Studierende ab dem ers- ten Semester dafür zu sensibilisieren, eine eigene wissenschaftliche Haltung zu entwickeln. Das geht über das Re- flektieren der eigenen Grenzen hinaus und erfordert das Kennenlernen des Wissenschaftssystems inklusive seiner zumTeil prekären Dynamiken. Für mich gehören dazu beispielsweise die Fragen: Wie kriege ich das alles als Mutter hin? Wie viel mehr Sicherheit bringt mir ein Doktortitel? Gerade Menschen, die nicht aus einer Akademikerfamilie kommen, so wie ich, können davon auch schnell überfordert sein. Dem möchte ich in meiner Lehre frühzeitig begegnen. Wissenschaft, wie ich sie erlebe, ist kein Nine-to-five-Job, den man jedes Wochenende ruhen lässt. Dieses Spannungsfeld müssen wir im Blick haben: Wenn alle immer zu viel geben, kommen nicht unbedingt die bestmög- lichen Ergebnisse heraus. Gerade in Bereichen, wo wir etwas aus und mit Leidenschaft machen, ist es wichtig, klare Regeln zu haben, damit man nicht untergeht. Ressourcen sind endlich, Zeit ist es auch. Protokolle: Dirk Nordhoff Mareike Ochs istWissen- schaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Soziale Arbeit. Für ihr Konzept „Wissenschaft als Haltung“ hat sie 2023 den Lehrpreis der EH Freiburg erhalten. BERUF ODER BERUFUNG? Die Politikwissenschaftlerin Melanie Hussak ist seit März 2023Wissenschaftliche Mitar- beiterin am 2020 gegründeten Friedensinstitut Freiburg. ev.olve 8 9

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