ev.olve - 04/2024
Wege des Täter-Opfer-Ausgleichs. Nicht zuletzt sind ihr Fragen des Opferschutzes und viktimologische Aspekte wichtig, etwa welche Folgen es für Frauen und Kinder hat, wenn sie Opfer von Gewalt- oder Sexualverbrechen werden. Wer sich die vielfältige Expertise von GundaWössner und ihrenWerdegang ansieht, kann den Eindruck bekommen, dass sie ihre Karriereplanung sehr fokussiert und zielstrebig ange- gangen sein muss. Doch sie selbst erinnert sich an Momente der Unsicherheit während ihres Psychologiestudiums an der Universität Freiburg: „Alle Kommiliton*innen schienen ihr Ziel klar vor Augen zu haben: therapeutische Praxis, Erziehungs- beratung, Arbeits- und Organisationspsychologie. Doch mich interessierte so vieles, dass ich mich nicht entscheiden konn- te, welche Richtung ich einschlagen sollte.“ Nach ihrem Diplom war es zunächst ein Impuls von außen, der die Richtung vorgab. Familiäre Gründe führten sie in die USA. Schon damals hatteWössner ein Lebensmotto, das ihr half, ihrenWeg zu gehen: „Ich versuche immer, das Beste aus meiner Situation zu machen.“ Zudem war es der jungen Psy- chologin wichtig, beruflich dranzubleiben – trotz oder gerade wegen ihrer zwei Kinder. Flexibilität also und Durchhaltever- mögen. Sie machte ein Praktikum am Psychiatric Institute ofWashington, einem Akutkrankenhaus für Menschen mit psychischen Erkrankungen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Substanzmissbrauch. „Dort hatte ich vor allem mit jugend- lichen Betroffenen von Gewalt zu tun. Etliche waren traumati- siert und wurden selbst sehr gewalttätig. Ich habe einen Blick für solche Verknüpfungen entwickelt, der meine Perspektive bis heute prägt.“ Auch ihr Interesse an Klinischer Psychologie wurde inWashington neu entfacht. Bereits während des Studiums hatte GundaWössner als studentische Hilfskraft am damaligen Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht gearbeitet. Zurück in Deutschland nahm sie den Kontakt wieder auf und wurde dort Doktorandin. 2006 promovierte sie schließlich an der Universität Freiburg über verschiedene Ansätze zur Behandlung von Sexualstraf- täter*innen. Nicht nur der Umgang mit Sexualstraftäter*innen ist ein Thema, zu dem sie von Medien oft als Expertin angefragt wird. Auch ihre Expertise zurWirkung von Strafe ist gefragt, zu Gefängnissen, Resozialisierung und Rückfallquoten. „Auftritte in den Medien sind mir eher unangenehm“, räumt GundaWössner ein. „Aber ich hoffe, dass ich damit zu einer aufgeklärten Meinungsbildung beitragen kann. Ich finde, das gehört genauso zur Aufgabe vonWissenschaftler*innen wie Forschung und Lehre.“ Zwar gibt es seit längerem einen regel- rechten Hype um „True Crime“, bei dem sich das Publikum intensiv auf „echte“ Straftäter*innen und ihre Motive einlässt. „Aber worum geht es dabei? Oft wird damit nur Sensations- interesse bedient.“ Aus der Zeit vor ihrer Berufung hatWössner einige laufende Forschungsprojekte zu diesemThema mitgebracht, die sie an der EH Freiburg zu Ende führt. Weitere Projekte hat sie gemeinsam mit den neuen Kolleg*innen und externen Part- ner*innen bereits angestoßen. Mit Enthusiasmus widmet sie sich seit ihrer Berufung der neuen interreligiösenWeiterbil- MeinWeg: GundaWössner dung „Seelsorge im Justizvollzug“. Sie ist das erste Angebot in Deutschland, das Menschen unterschiedlicher Religions zugehörigkeit für die Seelsorge in Gefängnissen qualifiziert. Ruft man sich in Erinnerung, dass GundaWössner im Studium die Sorge hatte, sie sei zu vielseitig interessiert, um ihren Weg zu finden, kann man heute wohl sagen: Sie hat ihre Interessenvielfalt genutzt, um sich ihr eigenes Forschungsfeld zu schaffen. Ihre Arbeit ist geprägt von einer Diversität der psychologischen Themen, Akteur*innen, Orte undWirkungs- felder. GundaWössner bringt ihre Erfahrung aus der psycho- therapeutischen Tätigkeit in universitären Einrichtungen in Münster und Freiburg ein. Anknüpfungspunkte gibt es auch aus ihrer Zeit als Professorin an der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen: „Wenn man so will, macht auch die Polizei eine Art Sozialarbeit. Denn sie kümmert sich um das Gemeinwesen.“ An der EH Freiburg könne sie nun alle Interessen zusammenführen: „Ich genieße die Vielfalt der Tätigkeiten hier, mit tollen Kolleg*innen und Studierenden. Meine Entscheidung, hier eine Professur anzu- treten, macht mich sehr glücklich.“ Stefanie Hardick GundaWössner erforscht nicht nur die Folgen von Gewalt und kriminellem Verhalten, sondern auch die Ursachen. Die interreligiöse Weiterbildung „Seelsorge im Justizvollzug“ ist das erste Angebot in Deutschland, das Menschen unterschiedlicher Religionszuge- hörigkeit für die Seelsorge in Gefängnissen qualifiziert. ev.olve 6 7
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