ev.olve - 04/2024

Prof.in Dr.in Gunda Wössner Im März 2023 wurde GundaWössner auf die Professur für Allgemeine Psychologie und Klinische Psychologie berufen. Sie bringt viel Erfahrung in der Forschung über Täter*innen und Opfer von Straftaten mit. Wir zeichnen nach, wie sie ihr Profil entwickelt hat. Als unser Gespräch stattfindet, ist GundaWössner gerade erst wieder in Freiburg angekommen. AnderthalbWochen war die Professorin für Allgemeine Psychologie und Klinische Psychologie in Griechenland unterwegs, mit einer Delegation des Europäischen Komitees zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe (CPT). Sie besuchte Polizeidienststellen, Abschiebegewahr- same, Auffanglager an den Grenzen der Europäischen Union, auf den Inseln im Mittelmeer und an der sogenannten Balkan- route. Eine anstrengende Reise mit einer anspruchsvollen Auf- gabe. Die Delegation prüft, wie Menschen behandelt werden, denen in solchen Einrichtungen ihre Freiheit entzogen wird. Für GundaWössner ist es vor allem „ein großes Privileg, diese Arbeit machen zu dürfen“. Vor drei Jahren ist die Psychologin als einziges deutsches Mitglied in das europäische Gremium gewählt worden, die Bewerbung um eine weitere Mandatszeit kann sie sich gut vorstellen. Es sind höchst aktuelle Erkenntnisse, die GundaWössner an die EH Freiburg mitbringt: von solchen Reisen, aus ihrer langjährigen Forschung über den Strafvollzug in Deutschland und aus den zahlreichen anderen Gremien und Beiräten, in denen ihre Expertise bei Politiker*innen und Praktiker*innen gefragt ist. DiesesWissen lässt sie unmittelbar in ihre Lehre einfließen. Das Thema Straffälligenhilfe etwa ist ein fester Be- standteil des Studiums der Sozialen Arbeit. „Ich merke, dass die Studierenden großes Interesse daran haben, wenn man von eigenen Erfahrungen spricht und die jeweiligen Umstände gut kennt“, sagt GundaWössner rückblickend auf die ersten beiden Semester nach ihrer Berufung im März 2023. Für „Es ist ein großes Privileg, diese Arbeit machen zu dürfen.“ MeinWeg: GundaWössner MeinWeg: GundaWössner das Modul „Vielfalt“ konzipierte sie ein Seminar, das sich mit Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen von Straf- täter*innen und Betroffenen von Straftaten auseinandersetzt. Wössner ist eine von wenigen Expert*innen, die sich um einen ganzheitlichen Blick auf Straftaten bemühen. Die meisten beschäftigen sich entweder ausschließlich mit der Täter*innen- oder der Opferperspektive. GundaWössner erforscht nicht nur die Folgen von Gewalt und kriminellem Ver- halten, sondern auch die Ursachen. Sie sagt, dass diese zum Beispiel Folgen hegemonialer Männlichkeitsstrukturen sein können. Viele Täter*innen hätten zudem psychische Probleme, die auf eigene Viktimisierungserfahrungen zurückzuführen sein können. Es sei deshalb notwendig, diese umfassend und individuell zu analysieren. Im Gefängnis schreibt sich das oft fort: Täter*innen können dort erneut Opfer werden, von gewalttätigen Mithäftlingen oder von Vertreter*innen des Gefängnissystems – das machen nicht nur die Berichte des CPT deutlich. Das bedrückende System befördere weitere Straftaten. Seit langem beschäftigt sichWössner auch damit, wie Resozialisierung gelingen kann. Sie hat Zweifel, dass dies in Verbindung mit Strafe funktioniert: „Natürlich müssen wir auf schwere Straftaten reagieren. Aber ich bin mittlerweile überzeugt, dass das gesamte System von Strafe und Resoziali- sierung grundlegend neu gedacht werden muss.“ Als langjähri- ge Projektleiterin am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht hat GundaWössner nicht nur zur Behandlung von Straftäter*innen geforscht, sie beglei- tete auch alternative Sanktionen – wie elektronische Fußfes- seln oder Hausarrest – wissenschaftlich, ebenso verschiedene ev.olve 4 5

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