ev.olve - 04/2024

Durch Third Mission haben Hochschulen eine inten­ siveWirkung in die Gesell- schaft hinein. Auch eine Steuerungsfunktion. Der Hochschul- auftrag Prof.in Dr.in Renate Kirchhoff Zu dieser Mission gehört für uns als Evangelische Hoch- schule zum einen, dass sich unsere Hochschulmitglieder gesellschaftlich engagieren, ob durch Transfer vonWissen und Fertigkeiten in die Praxis oder aktivistisch. Zum anderen haben wir uns in derWissenschaftswelt zu einem Kompetenz- zentrum entwickelt, das sich systematisch mit Gerechtigkeit und Verantwortung beschäftigt: So wie sich MINT-Hochschu- len primär aus den Perspektiven der Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik in Debatten einbringen, sind wir als SAGE-Hochschule Bildungseinrichtung, Anlaufstelle und Impulsgeber*in in den Feldern Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung sowie Angewandte Theologie. Unsere Forschungen dienen unter anderem dazu, diskriminierendes Denken und benachteiligendes Handeln zu erkennen und zu verhindern. Anders ausgedrückt: Die EH Freiburg hat eine wichtige gesell- schaftliche Funktion und will sie auch haben. Beides erklärungsbedürftig: Kosten und Nutzen Doch die politische Unterstützung und die damit einher- gehende Finanzierung spiegeln diesen Auftrag nicht immer wider. Das hat auch mit folgendem Dilemma zu tun: Für die Finanzierungslogik sind harte Zahlen wichtig – erkennbare Effekte, messbare Erfolge. Was wir leisten und vor allem, was die Menschen in den SAGE-Berufen leisten – für die wir sie qualifizieren –, entzieht sich teilweise der Logik klassischer Finanzkennzahlen wie Gewinn und Umsatz. Eine Antwort auf die legitime Frage nach messbaren Erfolgen könnte darin bestehen, eine Gegenrechnung anzustellen: Wie hoch werden die Kosten sein, wenn wir nicht mehr tun, was wir tun? Kosten das Stabilisieren und Re-Demokratisieren einer instabilen Gesellschaft nicht ein Vielfaches mehr? Ist es nicht viel teurer, Erwachsene zu begleiten und zu unterstüt- zen, die nicht von Partizipation und Bildungsgerechtigkeit in der Kindheit profitieren konnten? Oft sind langfristige Perspek- tiven erforderlich, auch länger als Legislaturperioden. Nur ein aktuelles Beispiel aus der Frühpädagogik: Im Rahmen der Evaluation des Bundesprogramms Fachkräfteoffensive in der Kita hoffen wir auf die Finanzierung eines Folgeprojekts zur Erprobung der Ergebnisse in einem Reallabor. Das könnte wahrscheinlich helfen, der Tendenz zur Deprofessionalisierung im Kita-Kosmos eine Alternative entgegenzusetzen. Denn nach unserem Verständnis sind Kitas mehr als Aufenthaltsorte für Kinder – sie sind Orte, in denen gut geschulte Fachkräfte frühzeitig auf Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe hinwirken können. Inklusion und Partizipation sind wiederum zentrale Instrumente der Extremismusprävention. So lässt sich durch- aus der Bogen von der Kita-Evaluation zum Erhalten der Demokratie schlagen. Wie wäre es, wenn Einrichtungen nicht nur der Sozialwirt- schaft ihre Finanzkennzahlen um Sozialindikatoren erweitern würden? Beispielweise zu Stabilisierung von Lebensqualität, zu Sicherung des Zugangs zu lebenslanger Bildung, zu Stär- kung von Demokratie. Etwas Vergleichbares vollzieht sich aktuell schließlich auch mit ökologischen Themen: Klimaindikatoren wie etwa der Treib- hausgas-Ausstoß fließen mehr und mehr in Nachhaltigkeits- und Geschäftsberichte von Unternehmen ein. Abschied aus dem Hochschuldienst Ihr Einsatz für Gleichstellung hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Frauenanteil unter den Hochschul- lehrenden seit 2006 bei mindestens 50 Prozent liegt. Prof.in Dr.in Isolde Geissler-Frank Isolde Geissler-Frank war seit 1994 Professorin für Recht an der EH Freiburg. Ein starker roter Faden ihrer Tätigkeit ist die Mitwirkung in der Hochschulselbstverwaltung: Von 1996 bis 2017 war sie mit kurzen Unterbrechungen die Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule. Als Dekanin stand sie dem Fachbereich Soziale Arbeit von 2015 bis 2018 vor und war bis 2024 Mitglied im Senatsausschuss für Internationalisierung. Promoviert wurde Geissler-Frank 1990 mit einer Arbeit zumThema „Arbeit und Ausbildung im Jugendstrafvoll- zug“, entstanden im Kontext ihrer Tätigkeit am Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht. Die Reform der Strafprozessordnung war ein Forschungsschwerpunkt. Hierin wurzelt das Jugendstraf- recht als einer ihrer Schwerpunkte in der Lehre. Ein zwei- ter Schwerpunkt war das Familienrecht. Generationen von Studierenden haben sich mit demTeil des Zivilrechts auseinandergesetzt, der die rechtlichen Grundlagen für die Regelung von Ehe, Lebenspartnerschaft, Vormund- schaft, Pflegschaft und Betreuung regelt – immer fallbe- zogen, das war der Professorin wichtig. Von Netzwerken profitieren Mit derartigen Fragen sind wir nicht allein. Umso sinnvoller ist es, dass wir im Schulterschluss mit anderen nach Lösun- gen suchen. Wir sind in der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), dem Pendant für HAW in Baden-Württemberg und in der RKHD, der Rektor*innenkonferenz der Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft, vernetzt. Wir arbeiten mit MINT-Hoch- schulen zusammen, getreu dem Motto: das Beste aus beiden Fachwelten. Wir sind über Deutschland und Europa hinaus verbunden. Und wir stärken unseren Rücken weiter: Gegenwärtig inten- sivieren wir unsere Zusammenarbeit mit der Katholischen Hochschule Freiburg. Der Plan ist, unsere Ressourcen noch kooperativer zu nutzen, um den veränderten Rahmenbedin- gungen für Hochschulfinanzierung im Land zu begegnen. SocialPROfit – so heißt übrigens unser erfolgreicher Use Case für das BMBF-Förderprogramm zur „Gewinnung und Quali- fizierung professoralen Personals an Fachhochschulen“. Das Magazin ev.olve ist dabei ein Baustein. 2008 hat sie gemeinsam mit Prof.in Dr.in Cornelia (Nena) Helf- ferich (†) die Akademie für sozialesWohnen gegründet: eine in der Hochschullandschaft einmalige Kooperation zwischen Wohnungswirtschaft und Hochschule. Das Aktionsspektrum des gemeinnützigen Vereins reichte von Forschung über die Förderung des wissenschaftlichen Diskurses bis zum Angebot von Fort- undWeiterbildung. Als Dekanin hat Isolde Geissler-Frank mit dem International Office das Internationale Profil für den Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit entwickelt und sich mit großem Erfolg für die Stärkung der internationalen Forschungskooperationen ein- gesetzt. „Ich bin mir gar nicht so sicher, ob der ‚Ruhestand‘ ein Grund zum Feiern ist, denn es ist eine sehr gute Arbeit“, blickt Isolde Geissler-Frank auf die Evangelische Hochschule und ihre Kolleg*innen zurück. ev.olve 2 2 2 3

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