ev.olve - 04/2024

DIE GROSSE FRAGE WIE HELFEN TRAUMA- FACHKRÄFTE IN DER KITA? Es antwortet Juliane Cichecki, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Angewandte Forschung (IAF). Ihre Masterthesis zu Trauma(-pädagog*innen) in Kindertagesstätten wurde 2023 mit dem Studienpreis des Studierendenwerks Freiburg ausgezeichnet. „Kriege, Flucht, Corona: Leider scheinen die schlimmen Nachrichten gerade kein Ende zu nehmen. Dass schon kleine Kin- der unter schweren Erlebnissen leiden, nicht nur körperliche, sondern auch seelischeWunden davontragen kön- nen – das leuchtet vielen Menschen ein. Deshalb ist das Verständnis zurzeit recht groß, wenn ich über das Thema meiner Masterthesis spreche: traumatisierte Kinder in Kindertagesstätten und speziell ausgebildete Pädagog*innen, die Kinder und ihre Bezugspersonen unterstützen wollen. Aber ich finde es wichtig, den Fokus weniger auf Katastrophen und singuläre Unglücksfälle zu legen. Unter Kita- Kindern sind andere traumatisierende Erfahrungen vermutlich weiter verbrei- tet, als die meisten Leute annehmen: Permanente Vernachlässigung, De- mütigung, psychische und körperliche Gewalt, aber auch Trennungserlebnisse können zu sogenannten Entwicklungs- und Bindungstraumata führen. Manche Kinder, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, schlafen schlecht, nässen ein, haben Essstörungen oder Aggressionen. Hinter solchen Auf- fälligkeiten muss aber nicht immer ein Trauma stecken. Außerdem fallen einige traumatisierte Kinder im Kita-Alltag vielleicht gar nicht auf, weil sie ängstlich und in sich gekehrt sind. Gerade weil es so schwierig ist, see- lischeWunden zu erkennen, wären geschulte Traumapädagog*innen eine wichtige Ergänzung für jedes Kita-Team. Tatsächlich gibt es aber nur sehr wenige Fachkräfte in diesem Bereich. Selbst mit intensiver Recherche konnte ich für mei- ne Studie kaum Interviewpartner*innen finden. Jene Traumapädagog*innen, die ich sprechen konnte, haben allerdings mit großer Begeisterung von ihrer Auf- gabe erzählt, vor allem von Situationen, in denen sie traumatisierten Kindern akut helfen konnten. Man merkte ihnen an: Für sie ist das mehr als eine Speziali- sierung, es ist eine echte Berufung. Sie haben viel darüber gesprochen, was sie brauchen, damit sie ihre Arbeit gut machen können. Zum Beispiel Strukturen, die eine Doppelrolle für Kita- Fachkräfte mit traumapädagogischer Weiterbildung vorsehen – zeitlich und finanziell. Selten haben Traumapäda- gog*innen die Möglichkeit, ihrWissen zu vermitteln und in den Kita-Alltag zu integrieren. Gerade das sollte aber geschehen, am besten umfassend, wiederholt und kontinuierlich. So könnte auch eher abgewendet werden, dass Kolleg*innen ihre Arbeit unabsichtlich erschweren oder sogar verhindern. Die meisten wissen noch zu wenig über Traumata und kennen selten ihre eigenen Trigger. Hierfür bräuchte es strukturelle Veränderungen, die angeleitete Supervision oder Biografie- arbeit für alle Fachkräfte ermöglichen. Auch aus Unwissenheit können be- stimmte Verhaltensweisen Kinder (re-) traumatisieren. Dabei geht es gar nicht darum, dass sich die ohnehin schon gestressten Fachkräfte umfangreiches Wissen beispielsweise über Diagnose- kriterien aneignen müssten, sondern um Grundlagenwissen über potenziell traumatische Erfahrungen und deren Folgen. Dadurch könnten sie in vielen Fällen angemessener handeln. Häufig reicht es, in kritischen Situationen etwas nicht zu tun, eine impulsive Reaktion zu unterlassen. Dabei ist das Interesse laut meinen Interviewpartner*innen durchaus da: Wenn sie in der Kita einen Infotag veran- stalten, ist die Nachfrage groß. Danach gerät das meist in den Hintergrund. Abgesehen von den genannten Rah- menbedingungen sind Auffrischungen und Bewusstmachen im Alltag wichtig. Auch die Möglichkeit, selbst an so einer Weiterbildung teilzunehmen, ist zu we- nig bekannt – es liegen zwar viele Flyer in den Kitas, aber von Traumapädagogik haben die wenigsten Fachkräfte schon etwas gehört. Die vorhandenenWeiterbildungsinstitute sind jedenfalls gut: Die Absolvent*innen, mit denen ich gesprochen habe, fühlten sich qualifiziert und empowert. Sie können für die Kinder da sein, einen sicheren Ort schaffen. Sie bieten den Kindern gute Bindungserfahrungen und ein positives Erleben von Situationen. Das hilft oft schon, damit die seelischen Wunden mit der Zeit heilen können. Und wenn wir darüber nachdenken: Die Kita als sicherer Ort mit positiven Erlebnissen – das brauchen nicht nur traumatisierte Kinder, das brauchen alle Kinder.“ Protokoll: Stefanie Hardick Die große Frage 2 1 ev.olve 2 0

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