ev.olve - 04/2024

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Volker Jörn Walpuski ev.olve: HerrWalpuski, für die Berufung auf eine Professur an einer Hochschule für AngewandteWissenschaften (HAW) werden verschiedene Qualifikationen vorausgesetzt. Lassen Sie uns diese kurz anschauen. Als Erstes: Ein ab- geschlossenes Hochschulstudium. Das haben Sie sicher? Ich habe sogar drei Studiengänge abge- schlossen: Diplom-Religionspädagogik an der Evangelischen Fachhochschule Hannover, dann an der Kirchlichen Hoch- schuleWuppertal/Bethel einen Master in Diakonie-Management und später den Master Mehrdimensionale Organisa- tionsberatung an der Universität Kassel. Haben Sie promoviert? Ja. Ich hatte schon mal um die Jahrtau- sendwende einen Anlauf gemacht, mit meinem FH-Abschluss zu promovieren. Aber als externer Promovend habe ich das neben der Berufstätigkeit wieder aus den Augen verloren. Erst nach meinem zweiten Master habe ich dann neben meiner selbstständigen Arbeit als Supervisor und Organisationsberater wieder eine Dissertation begonnen. Allerdings endete die Bewerbungsfrist an der EH Freiburg, bevor ich mit der Promotion fertig war. Ich habe also an- gerufen und die Rektorin gefragt: „Ich habe die Arbeit abgegeben, aber noch nicht verteidigt – kann ich mich trotzdem bewerben?“ Als Frau Kirchhoff sehr ermutigend reagiert hat, habe ich meine Bewerbung noch als Unpromovierter eingereicht und auf das Beste gehofft. Dafür brachten Sie mit Ihrer langjährigen Tätigkeit als Supervisor und Organisations- berater die geforderte Berufserfahrung mit: fünf Jahre, davon mindestens drei außerhalb der Hochschule. Das nächste Kriterium lautet: Lehrerfahrung. Muss man auch hier ein Minimum nachweisen? Nein, aber eine grundsätzliche Eignung für das Lehren und die Arbeit in und mit Gruppen sollte schon vorhanden sein. Durch meine Berufserfahrung konnte ich das gut nachweisen, daneben hatte ich sehr unterschiedliche Lehrerfahrungen auch in ganz anderen Studiengängen. Denn meine Themen liegen ohnehin ein wenig quer zu den klassischen Fakul- tätsgrenzen. Ich habe zum Beispiel am Zentrum für Schlüsselqualifikationen der Hochschule Hannover Sozialkompeten- zen in Maschinenbau- und Elektrotech- nikstudiengängen unterrichtet. Später habe ich an der Universität Hannover Konfliktbearbeitung und zuletzt an der Universität Bielefeld in Erziehungswis- senschaft gelehrt. Ich habe also zehn Jahre unterschiedlichste Lehrerfahrung. Schlägt Ihr Herz also stärker für die Lehre als für die Forschung? Mein Herz schlug immer schon für die Pädagogik, was auch den Ausschlag für mein erstes Studium der Religions- pädagogik gab. Ich genieße es, anderen etwas nahebringen zu können. Für Forschung habe ich mich erst während meines zweiten Masterstudiums richtig begeistern können. Bei meiner Disser- tation habe ich das dann ausgekostet: ein Forschungsprojekt nicht nur fertig, sondern rund zu bekommen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich auf eine Professur an der EH Frei- burg zu bewerben? Ich habe in der Promotionsphase das Feedback bekommen, dass eine Profes- sur zu mir passen würde. Als ich dann aber nach geeigneten Stellen gesucht habe, war das gar nicht so einfach. Häu- fig werde ich erst als Religionspädagoge wahrgenommen, dann habe ich noch zwei Masterabschlüsse, die keiner so richtig zuordnen kann, die aber meine wissenschaftliche Entwicklung gut zei- gen. Dann habe ich die Ausschreibung der EH Freiburg gesehen: eine Professur für Supervision, die einzige in Deutsch- land. Ich bin Supervisor, habe über Supervision promoviert – was für eine glückliche Fügung! Wie zeitaufwendig war dann die Bewerbung? Man muss gar nicht so viel Zeit inves- tieren, sondern vor allem Geduld. Es ist ein langwieriges Verfahren. In meinem Fall war der Bewerbungsschluss im Dezember, dann habe ich Ende Februar die Einladung für die Vorstellungsgesprä- che im April und die Probevorlesung im Mai bekommen. Bis dann die Berufung ausgesprochen wurde und der Arbeits- vertrag vorlag, war es Juni oder Juli. Und das war wohl ein vergleichsweise schnelles Verfahren. Ihre Bewerbung war erfolgreich. Welche Tipps würden Sie anderen geben? Es ist wichtig, sich Gedanken über das eigene Profil zu machen und zu zeigen: Das kann ich, dafür stehe ich. Als Professor hat man keine Vorgesetzten mehr. Man muss selbst Position bezie- hen, sich im wissenschaftlichen Diskurs verorten, bestimmte Theorien favorisie- ren und andere begründet ablehnen. Wenn das eigene Profil anschlussfähig ist an das Profil der Hochschule, dann passt es. Wie haben Sie Ihre Vorstellungs- gespräche erlebt? Meine Disputation war im Vergleich fast einfacher! Als Berater und Supervisor versuche ich in jeder Gesprächssituation eine Beziehung aufzubauen. Das wird aber im Vorstellungsgespräch systema- tisch verhindert, aus gutem Grund: Reih- um stellt jede*r eine Frage, man muss immer jemand anderes anschauen, es gibt kaum einen Gesprächsfluss. Als Be- werber*in muss man sich klarmachen, dass dieses etwas unnatürliche Ver- fahren für Rechtssicherheit sorgen soll. Eine Professur ist eine exponierte Stelle, und dieses Vorgehen stellt eine gewisse Objektivität und Vergleichbarkeit her. Danach mussten Sie für die Probevorle- sung noch einmal nach Freiburg reisen. Ist Ihnen die Vorbereitung leichtgefallen? Vorgegeben waren 30 Minuten Vortrag mit anschließender Diskussion. Das gestellte Thema war für die Zeit kom- plex, und es war etwas knifflig, meine Gedanken dazu in der kurzen Zeit auf den Punkt zu bringen und sie aus einem Fachdiskurs heraus zu entwickeln. Zu- mal man nicht weiß, wer im Publikum sitzt: Einerseits will ich die Berufungs- kommission überzeugen, die fachlich versiert ist und hinterher kritische Fragen stellt. Andererseits will ich auch Studierenden etwas bieten, die viele Theorien noch nicht kennen. Und wie ist es dann gelaufen? Gut, trotz aller Aufregung! Die Technik war vorbereitet, mein interaktives Ele- ment funktionierte und mit den kritisch prüfenden Fragen der Berufungskom- mission konnte ich umgehen. Für Lehrende gibt esWeiterbildungspro- gramme, um die Lehrqualität zu optimie- ren oder das eigene Profil zu schärfen. Haben Sie diese Angebote genutzt? Ich habe nach meiner Berufung mit dem Baden-Württemberg-Zertifikat Hoch- schuldidaktik begonnen. Das ist zwar nicht verpflichtend, aber ich bin sehr dankbar für dieses Angebot. Im Master- Studiengang Supervision und Coaching sind meine Studierenden im Schnitt zwischen 35 und 50 Jahre alt. Das heißt, meine Rolle ist eine andere als die von Professor*innen, die grundständig Stu- dierende unterrichten. Die 200 Stunden des Fortbildungsprogramms kann ich genau so zusammenstellen, dass ich in meiner Rolle als Professor gut ankom- men kann. Daneben bekomme ich auch an der Hochschule viel Unterstützung, beispielsweise durch ein Coaching zur Profilschärfung alsWissenschaftler und durch Fortbildungen zur Forschungs- förderung. Protokoll: Stefanie Hardick „Man sollte zeigen: Das kann ich, dafür stehe ich.“ „MAN SOLLTE ZEIGEN: DAS KANN ICH, DAFÜR STEHE ICH.“ Volker JörnWalpuski ist seit September 2023 Professor für Supervision und Coaching an der EH Freiburg. Im Gespräch lässt er seine Erfahrungen mit dem Berufungsverfahren Revue passieren und gibt Tipps für eine erfolgreiche Bewerbung. ev.olve 1 8 1 9

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