ev.olve - 04/2024

Gefragte Expertise „Was ich tue, kann die Lebenssituation vieler Menschen verbessern.“ ev.olve 1 4 1 5 die eigene Disziplin oder dieWissenschaft per se, was man- che Akademiker*innen als unangenehm empfinden. Die bloße Mitarbeit in einem Gremium kann sie in die Schusslinie politi- scher Grabenkämpfe bringen. Das passiert nicht nur Klimafor- scher*innen oder Virenspezialist*innen, das hat auch Isabelle Ihring, Professorin für Jugend und Soziale Arbeit, als Expert*in für Rassismus schon erlebt, als der neue Antirassismusrat der Bundesregierung zum Objekt rechter Medienkampagnen wurde. Und dann ist da noch die Sache mit den enttäuschten Erwartungen: Einige Gremien haben sich in der Vergangenheit als reines Feigenblatt entpuppt, mit dem der Unwille zu tat- sächlicher Veränderung kaschiert werden sollte. Die Pro-Argumente scheinen jedoch zu überwiegen: Der Kontakt zu Menschen und Gruppen außerhalb der eigenen Profession und Fachblase kann zu wertvollem Austausch und hilfreicher Vernetzung führen. Und die HAW-Professor*innen bringen hierfür sehr gute Voraussetzungen mit: Sie kommen aus der Praxis, haben mehrjährige Berufserfahrung außerhalb von Hochschulen (zum Beispiel S. 18/19 Volker J. Walpuski) – und bringen ihre bisherige Vernetzung mit in die Hochschule ein. Die eigene Forschung bekommt durch Austausch einen fruchtbaren Realitätscheck und das steigert ihre Qualität. Das trägt dazu bei, dassWissenschaft international und interdiszi- plinär anschlussfähig wird. Wissenschaftler*innen, die sich als politische Menschen ver- stehen, können Veränderungen besser anstoßen und mitgestal- ten, wenn sie mit Entscheider*innen und Multiplikator*innen ins Gespräch kommen. Dafür sind persönliche Begegnungen außerhalb der Hochschule, trotz Zoom und Co., immer noch zentral. Ein Landesbeirat hat vielleicht nicht die Reichweite eines Youtube-Videos oder eines Talkshow-Auftritts, aber dafür versammelt er möglicherweise genau das richtige Publikum. Entscheidungs- und Orientierungshilfe von berufener Stelle ist immer gefragt, aus allen Fachbereichen. Allein zum politischen Berlin gehören 150 bis 200 feste Expert*innen-Gremien. Und das ist nur die Bundesebene. Ein Beispiel für den Austausch im Regionalen ist die Gesell- schaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Freiburg, in der sichWilhelm Schwendemann, Professor für Evangelische Theologie, Schul- und Religionspädagogik, als geschäftsfüh- render Vorsitzender einbringt. Für Bildungspolitik und damit zusammenhängende Erkenntnisse ist der Austausch auf Landesebene wichtig. Dorothee Gutknecht, Professorin für Kindheitspädagogik, sitzt im Expertenrat „Sprachförderung an der Schnittstelle Kindertageseinrichtung-Grundschule“, der ans Kultusministerium in Baden-Württemberg angedockt ist. GeorgWagensommer, der schon länger im Fachverband evangelischer Religionslehrerinnen und Religionslehrer aktiv ist, einem Forum der badischen Landeskirche, wurde 2023 in den baden-württembergischen Landesschulbeirat berufen. Hinzu kommt die internationale Ebene. GundaWössner, Professorin für Allgemeine Psychologie und Klinische Psycho- logie, ist das einzige deutsche Mitglied im Europäischen Komitee zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe. Dirk Oesselmann, Beauftragter für Internationalisierung an der EH Freiburg, ist Vorsitzender im Unterausschuss Theologische Ausbildung der Evangelischen MissionWeltweit und wird seit 2015 zur Konferenz Diakonie und Entwicklung des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung eingeladen, die für die Arbeit der NGO Brot für dieWelt von großer Bedeutung ist. Berthold Dietz, Professor für Soziologie, stärkt den Vorstand der INAS, der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Sozial- management und Sozialwirtschaft, die in ihren Themenfeldern die Vernetzung von Lehre und Bildung, Wissenschaft und Forschung fördert. Ein Output: Der INAS-Kongress 2025 findet an der Evangelischen Hochschule Freiburg statt. Spezialist*innen sind überall und immer eine wertvolle Unterstützung: in vorbereitenden Phasen, begleitend oder als kritische Instanz der Nachbetrachtung wie beim „Gute- KiTa-Gesetz“ (s. S. 10/11). Zumal sich derWissensstand stetig ändert und kluge Köpfe so richtig in Fahrt kommen, wenn sie Lösungen für ganz neue Herausforderungen austüfteln, die im wirklichen Leben greifen. Auf der folgenden Doppelseite geben wir beispielhaft Einblick in die außerhochschulische Gremienarbeit dreier Wissenschaftler*innen. Dirk Nordhoff DGSA (Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit) und DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) oder Be- ratung von NGOs.“ Einige Dozierende sind außerdem Mitglied in Expert*innengruppen und moderieren zum Beispiel Fach- gespräche oder Ausschüsse. Transfer gehört zum Selbstverständnis wissenschaftlichen Arbeitens Sind Third Mission und Transfer lästige Aufgaben, die sich aus der Rechenschaftspflicht gegenüber Geldgebern und Förder- partnern ergeben – oder sind sie eine Chance, dieWissen- schaftler*innen bereitwillig annehmen, vielleicht sogar aktiv suchen?Während sich keine Institution, insbesondere keine Hochschule für AngewandteWissenschaften, gern nachsagen lässt, den berüchtigten Elfenbeinturm zu repräsentieren, kommt es individuell immer auf die Gesamtsituation an. Des- halb findet sich unter den Rückmeldungen auch die ehrliche Antwort „Dafür finde ich kaum Zeit“. Eine andere Problemlage war: „Während ich eine wissenschaftliche Karriere aufbaue, ist es schwierig, mich groß umThird Mission zu kümmern.“ Leichter dürfte es denjenigen fallen, die sich schon als Expert*innen etabliert haben und gezielt von außen angefragt werden. Für die meisten Befragten gehört der Transfer-Gedanke zum Selbstverständnis des wissenschaftlichen Arbeitens. Eine Aussage, die im Rahmen der Befragung viel Zustimmung fand, lautete: „Gesellschaftliches Engagement gehört zu mei- ner Grundauffassung von Bildung undWissenschaft“ – was ja einer Unterschrift unter das Hochschulprofil gleichkommt. Eine mehrmals genannte Begründung für Third-Mission-Aktivi- täten fasst der Bericht so zusammen: „Es motiviert mich, das Gefühl zu haben: Was ich tue, kann die Lebenssituation vieler Menschen verbessern.“ Politische Gremienarbeit: Pro und Contra Ist die außerhochschulische Gremienarbeit, auf die wir hier ein Schlaglicht werfen, demnach ein Zeichen für überdurch- schnittliches Engagement? Oder ist sie schlicht ein Teil des Jobs, der Vernetzung und fachlichen Austausch braucht? Ge- gen die Gremien spricht: Solche Arbeit frisst Zeit und Energie, die vielleicht für Forschung und Lehre fehlen. Mit Fachfrem- den außerhalb des Hochschul-Kosmos in einer Kommission oder einem Rat zu sitzen, drückt Wissenschaftler*innen zum Teil in neue, ungeübte Rollen. Sie werden zu Sprachrohren für Der Text, den Sie hier gerade lesen, steht nicht von ungefähr in einem „Magazin überWissenschaft, die Gesellschaft ver- ändert“. Der Slogan, den sich ev.olve auf die Titelseite ge- schrieben hat, ist geboren aus dem Selbstverständnis der EH Freiburg als Hochschule für AngewandteWissenschaften (HAW). Rektorin Renate Kirchhoff fasst diesen Aspekt des Profils, der sich auch im Leitbild wiederfindet, so zusammen: „Unsere Hochschullehrenden tragen mit ihren Forschungsak- tivitäten, ihrer Mitwirkung in Dach- und Fachverbänden, ihrem Transfer, ihrer Politikberatung und ihren Praxiskooperationen national und international dazu bei, dass Gesellschaften sich weiterentwickeln.“ Der DeutscheWissenschaftsrat hat im Rahmen der institutionellen Akkreditierung „die zahlreichen nationalen sowie internationalen Kooperationen mit hoch- schulischen und außerhochschulischen Einrichtungen“ positiv herausgestellt. Sie kommen nicht allein den Studiengängen und damit den Lehrenden und Studierenden zugute. Es geht dabei auch um den Austausch mit der Praxis, Politik und Ver- waltung auf den Ebenen Stadt, Land und Bund. Weil die EH Freiburg eine HAW in Trägerschaft der Evangelischen Landes- kirche in Baden ist, gehören dazu ebenso kirchliche Partner wie Caritas, Diakonie oder Brot für dieWelt. Was heißt das alles für die Menschen, die hier lehren und forschen und darüber hinaus alsWissenschaftler*innen mit der Gesellschaft inWechselwirkung treten? Das wollte auch die EH Freiburg wissen. Deshalb hat sie ihre Dozierenden im Winter 2023 befragt: 27 von insgesamt 35 haben an einer Online-Befragung zu Aktivitäten im Bereich Third Mission teilgenommen. Dazu zählenWeiterbildung, Transfer und ge- sellschaftliches Engagement, beispielsweiseWorkshops mit Praktiker*innen, Veröffentlichungen für ein breites Publikum und Vereinsarbeit. Vier von fünf Befragten waren 2021 bis 2023 in irgendeiner Form mit Third Mission beschäftigt. „For- malisierte Aktivitäten wissenschaftlicher Beratung zur Unter- stützung wissenschaftsbasierter Entscheidungen“ gehörten für 70 Prozent der Befragten zum Alltag. Der Bericht konkre- tisiert: „Dies zeigt sich zumeist durch gutachterliche Funktio- nen, Teilnahme an Arbeitskreisen und Verfassen von Stellung- nahmen (zum Beispiel für das Bundesverfassungsgericht, Kultusministerien auf Länderebene, die EKD oder in Form von Positionspapieren), Angebote an Expert*innen-Workshops von Bundesministerien, Aktivitäten in Fachgesellschaften wie

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