ev.olve - 04/2024
Zwischen 2019 und 2022 erhielten die Bundesländer insgesamt 5,5 Milliarden Euro, um die Qualität der Kindertagesbetreuung zu verbessern. Forschende der EH Freiburg und der Universität Bamberg haben evaluiert, ob die Investitionen die erhoffteWirkung hatten. Frau Rönnau-Böse, die Ziele des „Gute-KiTa-Gesetzes“ waren viel fältig, die Einflussfaktoren ebenso. Wie haben Sie gemessen, ob das Gesetz erfolgreich war? Maike Rönnau-Böse: Für einige Faktoren gibt es etablierte Messgrößen. Teilhabe können wir mit sozio-demografischen Daten messen, indem wir zum Beispiel vergleichen, wie viele Kinder es in einer Kita gibt aus Familien mit höherem Einkommen, wie viele aus Familien, die Sozialleistungen bekommen, die Migrationshintergrund haben. Für an- dere Faktoren mussten wir erst selbst Instrumente entwickeln. Hier kommt eine Stärke der EH Freiburg ins Spiel: Wir haben Erfahrung darin, Faktoren zu analysieren, die für die Prozessqualität wichtig sind. Zum Beispiel die Qualität der Interaktionen zwischen Fachkräften und Kindern. Wie haben Sie diese qualitativen Aspekte analysiert? Wir sind von einerWirkungskette ausgegangen: Die Gelder des Bundes fließen an die Jugendhilfeträger, die sie an die Kita-Träger weitergeben; diese setzen Maßnahmen in den Kindertages- einrichtungen um, die sich auswirken auf die Leitungen und Fachkräfte, auf die Eltern und Kinder. Uns war es wichtig, alle in diesem System zuWort kommen zu lassen. Wir haben vertiefte Stichproben gezogen und dann mit Fragebögen, Gruppendiskussionen und Interviews gearbeitet. Dadurch konnten wir verschiedeneWirkungspfade und -faktoren des Gesetzes herausfiltern und evaluieren. Welches Fazit ziehen Sie? Die Bundesregierung verfolgte mit dem Gesetz eine gute Intention und hat viel Geld in die Hand genommen. Ergebnis ist eine Diskussion über bundeseinheit- liche Qualitätsstandards in Kindertages- einrichtungen. Noch vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen! Aber das Gesetz war ein Baukastensystem, aus dem sich die Länder bedienen konnten. Und nicht jedes Land hat sich sinnvolle und notwendige Handlungsfelder ausge- sucht, etwa eine Verbesserung des Per- sonalschlüssels. Stattdessen haben eini- ge die politisch wirksamste Maßnahme gewählt und den Eltern einen Zuschuss zu den Kita-Gebühren gezahlt. In diesen Ländern hat sich die Qualität insgesamt nachweislich nicht verbessert. Was müsste passieren, um die Qualität zu steigern? Man darf nicht nur darauf schauen, wie Fachkräfte gewonnen werden können. Der Markt ist einfach leer. Man muss schauen, wie man vermeidet, dass Fachkräfte angesichts immer schlechterer Arbeitsbedingungen in andere Branchen abwandern. Wir haben Träger*innen mit hoher Fluktuation verglichen mit solchen, in denen starke Teams über lange Zeit zusammenarbei- ten. Dabei haben wir einige Maßnahmen ausgewählt, an denen man ansetzen sollte: Fachberatungen, Entlastung der Kita-Leitung von administrativen Aufgaben, Weiterentwicklungsmöglich- keiten, Gesundheitsförderung, flexiblere Arbeitszeitmodelle. Unser nächstes Ziel ist es, diese Erkenntnisse mit Projekt- partnern*innen in die Praxis umzusetzen und neue, partizipativeWege für die Fachkräftebindung auszuprobieren. Stefanie Hardick Titel: KiQuTG – Durchführung einer Studie zu denWirkungen des Gesetzes zurWeiterentwicklung der Qualität und zur Verbesserung der Teilhabe inTageseinrichtungen und in der Kindertagespflege Projektleitung: Prof.in Dr.in Maike Rönnau-Böse, Prof. Dr. Klaus Fröhlich- Gildhoff, Zentrum für Kinder- und Jugendforschung (ZfKJ) an der Evangelischen Hochschule Freiburg und Prof.in Dr.inYvonne Anders, Universität Bamberg, Lehrstuhl für Frühkindliche Bildung und Erziehung Auftraggeber: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) Laufzeit: 03/2020 bis 03/2023 Wie gut war das „Gute-KiTa-Gesetz“? Hintergrund: Jedes Bundesland konnte auf der Grundlage eines individuellen Vertrags mit dem Bund selbst entscheiden, in welches von zehn Handlungsfeldern die Gelder investiert wurden. Möglich waren beispielsweise eine Ausweitung des Kita-Angebots, bessere Betreuungsschlüssel, die Qualifizierung von Fachkräften und die Stärkung von Kita-Leitungen. Neben solchen Maßnahmen zur Qualitätsver- besserung konnten die Länder die Eltern finanziell entlasten und die Kita-Gebühren senken. Forschungsdesign: Die Ausgangsbedingungen und Einflussfaktoren waren für die Kitas in Deutschland unterschiedlich. Die Forschenden wendeten deshalb ein sehr umfangreiches Untersuchungsdesign mit mehreren Methoden und Messzeitpunk- ten an, mit dem die verschiedenen Perspektiven der Akteure*innen erfasst werden konnten. Ergebnis: Die zwei Evaluationsberichte (06/2021 und 06/2023) bestätigen, dass das „Gute-KiTa-Gesetz“ in vielen Bundesländern zu einer leichten Verbesserung der Qualität in Kitas geführt hat. Als größtes Problem wurde der Fachkräftemangel identifiziert, der eine Deprofessionalisierung der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung begünstigen kann. Empfehlungen der Forschenden flossen in das Zweite Gesetz zurWeiterentwicklung der Qualität und zur Teilhabe in der Kinder- tagesbetreuung (KiTa-Qualitätsgesetz) ein. Wie gut war das „Gute-KiTa-Gesetz“? 1 0 1 1 ev.olve
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