ev.olve - 03/2023

Was ist Solidarität? Herr Harbeck-Pingel, in jüngster Zeit hat der Begriff „Solidarität“ Konjunktur: Im- mer wieder wird solidarisches Verhalten öffentlich bekundet oder eingefordert. Aber was ist das eigentlich: Solidarität? Zunächst einmal meint Solidarität das Verhalten einer Gruppe, die Ähnlichkeit mit einer anderen, notleidenden oder be- drängten Gruppe zum Ausdruck bringt. Der Begriff wurde im Zusammenhang der Arbeiterbewegung im 19. Jahr- hundert starkgemacht und ist dann gesellschaftlich lange Zeit sehr präsent geblieben. Er wanderte schließlich bis in die Theologie der 1970er ein, die sogar Gott solidarisch nannte. Heute wird das Wort „Solidarität“ häufig als Aufmerk- samkeitsmarker verwendet. Dabei nutzt sich der Begriff ab, wird zur hohlen Phrase. Solange sich für diejenigen, die Gegenstand der Solidaritätsbekundun- gen sind, nichts ändert, ist das bloß ein Diskursformat. Aber wenn ich Ihnen jetzt freundlich gegenübertrete und sage: „Ich solida- risiere mich mit Ihnen!“, und daraufhin fühlen Sie sich nicht mehr so allein auf derWelt – könnte das nicht doch eine Form praktischer Hilfe sein? Das wäre eine überflüssige Verwendung des Begriffs, das sollte man lassen. An der Stelle muss man den hohen Begriff der Solidarität gar nicht heranbringen und würde dann eben etwas anderes sagen – Mitgefühl zum Beispiel. Und auch in vielen Situationen praktischer Hilfe, wie sie zwischen Menschen eta- bliert ist, braucht man den Begriff nicht. Ein Beispiel: Ein ehemaliger Kollege war Mitglied eines „Friedenskreises“. 1993 hat dieser Kreis mehrmals im Jahr Hilfslieferungen in die Gegend von Tschernobyl organisiert – sieben Jahre nach der Katastrophe. Diese Geduld auf- zubringen, für diese Kontinuität zu sor- gen, muss nicht zwingend als Solidarität etikettiert werden. Das kann auch als eine Form von sozialem Zusammenhalt gelten, der den Begriff der Solidarität nicht mehr für sich reklamieren muss. Der Soziologe Heinz Bude glaubt, eine Quelle der Solidarität sei das Bewusst- sein der eigenen Verwundbarkeit. Sehen Sie das auch so? Natürlich kennen wir alle die Angst, verletzt zu werden, das mag auch bei Solidarität eine Rolle spielen. Aber die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und jemanden beispielsweise durch öffentlichen Protest zu unterstüt- zen, das ist ja eine Aktivität. Anthropo- logisch ist mir die Aufmerksamkeit für Aktivitätsmuster wichtiger. Ich wage einen Rettungsversuch: Es ist doch etwas Interessantes an der Idee, dass ich durch die Erfahrung, nicht alles im Griff zu haben, verstehe, dass andere ebenfalls nicht allein für ihre Lage ver- antwortlich sind. So weiß ich dann: Ich kann und sollte solidarisch sein, eine helfende Hand ausstrecken. Einverstanden. Die Pointe ist: In theo- logischen Kontexten ist die Begrenztheit des eigenen Handlungsradius selbstver- ständlich, ebenso wie die Frage danach, wann ich mich überfordere und wie ich damit aufhören kann. Sie nannten Ähnlichkeit als Vorausset- zung von Solidarität. Sie hat also damit zu tun, dass ich mich selbst im anderen erkenne? Avancierte Formen des Helfens setzen Ähnlichkeit voraus, sonst würde Empa- thie überhaupt nicht funktionieren. Die Ähnlichkeit muss nicht allumfassend sein. Ich kann auch mit Menschen soli- Ein Gespräch mit Prof. Dr. Bernd Harbeck-Pingel Für Bernd Harbeck-Pingel ist Solidarität vor allem gelebte Praxis. Warum der wissenschaftliche Direktor des Freiburger Friedensinstituts den Begriff kritisch sieht, erklärt er im Gespräch. Was ist Solidarität? ev.olve 8 9

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