ev.olve - 03/2023

Akademische Karriere in Deutschland Mit der Entscheidung zu promovieren, beginnt für Katrin Toens die akademische Karriere in Deutschland. „Für meine Promo- tion habe ich bewusst eine deutsche Universität gewählt“, sagt sie. Thematisch ist ihr die vergleichende Perspektive auf die Sozialpolitik der beiden Länder wichtig. Toens ent- scheidet sich für eine gerechtigkeitstheoretische Analyse der Sozialhilfereformen in den USA und in Deutschland. „Auch in Deutschland diskutierte man in den 1990er-Jahren kontrovers über die restriktiveWorkfare-Reform in den Vereinigten Staa- ten, etwa im Zusammenhang mit der Hartz-IV-Reform und mit dem Schröder-Blair-Papier zur Modernisierung der Sozialdemo- kratie. Ich fand es ungerecht, Menschen, die ohnehin an den Rand gedrängt sind, in irgendeinen Job zu zwingen, indem man ihnen androht, existenzsichernde Sozialhilfeleistung zu entziehen.“ Um den Jahrtausendwechsel arbeitet Katrin Toens alsWissen- schaftliche Mitarbeiterin an den politikwissenschaftlichen Instituten verschiedener Universitäten. In Berlin sammelt sie praktische Erfahrungen in den internationalen Beziehungen, etwa als Ausbildungsassistentin beim Auswärtigen Amt und bei der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung. 2002 erhält sie eine Stelle als wissenschaftliche Assistentin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Hamburg. Dort wird sie Junior- und Vertretungsprofessorin. Was die Profilbildung betrifft, sieht sich Toens eher als Generalistin. „Ich hatte nach dem Master ein starkes Interesse an Theorien und Grundlagenforschung, auch durch den Stellenwert von Ethik und politischer Philosophie an der Fordham University“, sagt sie, „aber ich hatte immer auch einen Bezug zur Praxis und zu empirischen Befunden.“ Auf ihrer Publikationsliste finden sich Arbeiten zu feministischen Perspektiven in der Sozialpolitikforschung, zu Gerechtigkeitstheorien, Kindeswohl, Jugendrecht, Hartz-IV-Reform und politischer Partizipation in der Sozialen Arbeit. Habilitiert wird sie an der Universität Münster mit einer empirischen Arbeit zur deutschen Hoch- schulpolitik im Bologna-Prozess. Als die EH Freiburg 2011 eine Professur für Politikwissen- schaft ausschreibt, trifft das den Nerv der Politologin Toens: „Ich konnte mich mit meinen sozialpolitischen Interessen in dem Stellenprofil wiederfinden.“ Eine neue Etappe beginnt. Mittlerweile sind es über zehn Jahre auf dieser Professur. „Ich fühle mich hier sehr wohl, weil ich das Fach in der ganzen Breite vertreten kann“, sagt Toens. Ihre aktuellen Schwerpunk- te sind Politikfeldanalyse, Familien- und Geschlechterpolitik, Europäische Integration, Sozialpolitik und Interessenvertretung der Sozialen Arbeit. Der Pfad zur guten Lehre Die Politikprofessorin Toens prägt die Ausrichtung der EH Frei- burg auch als Studiengangsleitung für den forschungsorien- tierten Master Soziale Arbeit mit. „In der Sozialen Arbeit ist das Politische sehr präsent. Insbesondere, wenn sie Leitungs- funktionen übernehmen, sollten Fachkräfte die politischen Implikationen ihrer Tätigkeit reflektieren und möglichst auch mitgestalten.“ Nicht nur zumWohl ihrer Adressat*innen – es sei auch wichtig, die Interessen der Sozialarbeitenden in der Öffentlichkeit, gegenüber Arbeitgeber*innen, Kommunen und Ländern sowie in der Politikberatung von Ministerien profes- sionell zu vertreten. Wie macht man Lust auf politisches Denken – anstelle von politischem Zynismus? Und wie trägt man die Erkenntnisse und Instrumente der Politikwissenschaft gut an Studierende der Sozialen Arbeit heran? Die neuberufene Professorin steht zunächst vor mehreren Hürden: Es gibt kaum brauchbares Material. Toens schließt sich der heutigen Sektion Politik Sozialer Arbeit innerhalb der Deutschen Gesellschaft für So­ ziale Arbeit an. Gemeinsam entwickelt die Gruppe Leitfäden und Lehrbücher. Ein anderes Problem wird ihr erst im Nach- hinein bewusst: Die Hochschullehre, die sie selbst an der Universität kennengelernt hat, ist eher textlastig und an den Forschungsinteressen der Lehrperson ausgerichtet. „An der Universität wurden wir kaum didaktisch geschult. Vieles muss- te ich mir selbst aneignen.“ DerWechsel von der Universität an die Hochschule forciert eine didaktische Entwicklung: weg vom Input-Trichter, hin zu mehr Einbindung und Handlungs- orientierung. Toens beginnt, sich zurückzunehmen. Sie gibt Impulse, moderiert, konzentriert sich darauf, die Studierenden etwas erreichen zu lassen. „Je stärker ich meine Rolle darin sehe, einen Raum zu schaffen, in dem die Studierenden selbst aktiv werden, desto besser gelingt es, sie zu befähigen.“ Die Digitalisierung der Hochschulen begleitet diese Neuaus- richtung der Lehre. Toens hat eine aufgeschlossene, aber nicht unkritische Haltung zur digitalen Lehre. Zum Beispiel stellt sie gerne vorab Material in den „Flipped Classroom“ und ordnet es mit Sprachnachrichten ein. „Hybride Lehre ermöglicht uns, die Präsenzzeit besser zu nutzen. Wir können dann direkt in die Diskussion einsteigen und Inhalte in unterschiedlichen Lehr-Lern-Settings vertiefen.“ Eine zweite Chance der Digitali- sierung: Sie kann die Studierenden relativ spontan und unkom- pliziert mit internationalen Expert*innen ins Gespräch bringen, die für Präsenzseminare sonst extra anreisen müssten. Es zahlt sich aus, dass Katrin Toens ihre Politikdidaktik reflektiert und an neue Herausforderungen angepasst hat: Im Herbst 2022 gewinnt sie den ersten Lehrpreis der EH Freiburg. Mit der neuen Auszeichnung will die Hochschule ihr Kollegium motivieren, kreative Lehrkonzepte zu entwickeln und durchzuführen. Neben derWertschätzung bekommen die Preisträger*innen jeweils 1000 Euro für die zukünftige Lehre. Toens erhält den Preis für ihre Politiklehre im forschungsorien- tierten Master Soziale Arbeit. Im Fokus steht die Durchführung einer Exkursion nach Brüssel. Zur Vorbereitung organisiert Toens ein Planspiel und eine Videokonferenz mit internationa- len Expert*innen aus dem EU-Parlament, dem Europäischen Ausschuss der Regionen und dem Europabüro der Diakonie Deutschland in Brüssel. Der Aufenthalt in der EU-Hauptstadt startet mit einer Fahrradtour zu den Themen Nachhaltigkeit und Mobilitätswende. Es gibt immer wieder Zwischenstopps für Gespräche mit Sozialarbeitenden und Lokalpolitiker*innen. Anschließend sprechen die Studierenden im Presseclub MeinWeg: Katrin Toens Brüssel selbst als Expert*innen der Sozialen Arbeit mit jungen NGO-Mitarbeitenden und Europapolitiker*innen. Die Erkennt- nisse werden auf der digitalen Plattform „Europe Bottom-Up“ der Stiftung Zukunft Berlin veröffentlicht. Die Jury lobt Toens „höchst anspruchsvolles und spannendes Format mit hoher Innovativität, Abwechslungsreichtum und Engagement“. Katrin Toens setzt das Preisgeld für Lehrmittel ein, mit denen die mobile Lehre ausgebaut werden kann. Sie wird ihre Politik- lehre weiterentwickeln und die Chancen der digitalisierten Welt auch künftig nutzen. Ziele, die dabei besonders im Vordergrund stehen, sind der Ausbau der Praxisforschung im Master sowie die Förderung transformativer Kompetenzen zugunsten eines angstfreien und offensiven Umgangs mit den politischen und sozialen Herausforderungen globalisierter Gegenwartsgesellschaften. Dirk Nordhoff DerWechsel von der Universität an die Hochschule forciert eine didaktische Entwicklung: weg vom Input-Trichter, hin zu mehr Einbindung und Handlungsorientierung. Toens erhält den Preis für ihre Politik- lehre im forschungs- orientierten Master Soziale Arbeit. ev.olve 6 7

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