ev.olve - 03/2023
Wirklichkeitsdeutungen der Menschen kennenlernen. Mich interessieren besonders sozialgeschichtliche und ethische Fragestellungen. Die Texte des Neuen Testaments sind auch als histo- rische Zeugnisse spannend. Anders als die meisten antiken Schriften sind sie keine typische Literatur der Oberschicht, sondern sie geben uns einen Einblick in den Alltag der damaligen Zeit. Wie schaffen Sie es, Texten, die Sie ver- mutlich in- und auswendig kennen, im- mer wieder etwas Neues zu entlocken? Ich versuche zu erkennen, wo ich „Vor- Urteile“ im hermeneutischen Sinne habe. Ich gehe oft semantisch vor, das heißt, ich untersuche, wie sich die Be- deutung von Begriffen verändert hat. Da- für arbeite ich vor allem mit griechischen und hebräischen Texten, denn in diesen Sprachen wurden die biblischen Texte geschrieben. Oft ziehe ich andere antike Texte hinzu, dann brauche ich auch meine Lateinkenntnisse. Je nach Thema verknüpfe ich das mit den Methoden an- derer Disziplinen, etwa der Geschichts- wissenschaft oder der Soziologie. Das Thema meiner Doktorarbeit beispiels- weise war ursprünglich ein explizites Genderthema: Ich habe mich gewun- dert, warum aus dem Begriff „Diakonia“, der einen niederen Dienst von Frauen und Sklavinnen bezeichnete, so schnell ein Titel für ein Leitungsamt werden konnte, das meistens von Männern aus- geübt wurde. Um zu verstehen, was der Begriff eigentlich bedeutete, habe ich mich im Verlauf meiner Arbeit dann auf semantische Fragen konzentriert. Und was haben Sie herausgefunden? Man hat das griechischeWort „Diako- nia“ lange missverstanden. Es bezeich- nete keinen niederen Dienst, sondern eine Beauftragung. Mit Aufträgen konn- ten Frauen, Männer, Sklaven ebenso wie Könige betraut werden, je nach Aufga- be. Dadurch sind mir dann auch andere Missverständnisse aufgefallen. Es war zum Beispiel im Neuen Testament lange üblich, „Diakonos“ unterschiedlich zu übersetzen, je nachdem, ob ein männ- licher oder ein weiblicher Name folgte: Männer wurden zu Amtsinhabern, Frauen zu Dienerinnen oder Helferinnen. Das hatte weitreichende Konsequenzen, denn als im 19. Jahrhundert der Diako- niebegriff für das soziale Engagement der protestantischen Kirche aufgegriffen wurde, verband man damit einen auf- opfernden Dienst. Den überwiegend Frauen bei schlechter Bezahlung leisteten … Ja, leider. Solche geschlechtsspezi- fischen Rollenzuschreibungen sind im griechischen Begriff „Diakonia“ aber nicht enthalten. Die Lesenden hatten ihre jeweils eigenen Vorstellungen und interpretierten die biblischen Texte ent- sprechend. Wenn „Diakonia“ im Neuen Testament aber eine Beauftragung durch Gott oder Jesus bezeichnet, haben wir eine ande- re Vorstellung: Für wichtige Aufgaben sucht man sich qualifizierte Personen. Und diese müssen professionell und zuverlässig arbeiten, denn sie sind Gott rechenschaftspflichtig. Damit sind An- erkennung und Autorität verbunden, die Möglichkeit, etwas zu gestalten. Wie sind Sie dazu gekommen, sich so intensiv und kritisch mit der Bibel aus- einanderzusetzen? Im Gymnasium hatte ich einen sehr guten Religionslehrer, der mit uns darüber diskutiert hat, wie man die Bibel interpretieren muss. Von ihm habe ich gelernt, dass man den Texten nicht gerecht wird, wenn man einfach an sie glaubt. Später habe ich mit der Pfarrerin meiner evangelischen Studierenden- gemeinde über theologische Fragen gesprochen, beispielsweise über antike Moralvorstellungen, die sich auch in der Bibel finden und die man nicht einfach auf unsere Zeit übertragen kann und muss. So habe ich gemerkt: Das inter- essiert mich, das will ich studieren! Die Idee, dieWissenschaft zu meinem Beruf zu machen, kam erst später. Zu Beginn meines Studiums wollte ich Pfarrerin werden. Mich hat es fasziniert, beruflich mit den unterschiedlichsten Menschen über Gott zu reden und sie in allen Le- benslagen zu begleiten. Jetzt sind Sie Professorin. Was gefällt Ihnen daran besonders gut? Ich lehre an der EH Freiburg auch Diako- niewissenschaft in den Studiengängen Gemeindediakonie und Soziale Arbeit. Dadurch hat meine Arbeit einen starken Gegenwartsbezug und eine enge Ver- bindung zu sozialen Fragen. Ich nehme mir Zeit, den Menschen der damaligen Zeit „zuzuhören“. Ich lerne, welche Vorstellungen sie von Gott hatten und wie ihnen ihr Glaube geholfen hat, soziale Missstände anzuprangern, mit Man hat das griechische Wort „Diakonia“ lange missverstanden. Es bezeichnete keinen niederen Dienst, sondern eine Beauftragung. Geschlechterrollen umzugehen oder Krisen zu meistern. Wie bei Menschen darf man auch bei Texten nie denken, dass man schon alles weiß. Nur wenn ich mich darauf einlasse, dass meinen Erwartungen widersprochen wird, kann ich Neues entdecken. Interview: Stefanie Hardick ev.olve 3 4 3 5 AufWiderspruch einlassen
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