ev.olve - 03/2023

Frau Hentschel, spielt der Begriff Solida- rität in der Bibel eine Rolle oder ist das eine moderne Idee? Die Autoren der biblischen Texte ver- wendeten natürlich andere Begriffe, aber sie wollten vermitteln, dass Zusam- menhalt und Gemeinsinn wichtig sind. Paulus hat dafür im ersten Korintherbrief zum Beispiel das Bild eines Körpers verwendet. Wir Menschen sind wie unterschiedliche Glieder dieses Körpers: Die Glieder sollen nicht danach streben, besonders wichtig zu sein. Schließlich leistet jedes seinen Beitrag, damit der gesamte Organismus leben kann. Zwar neigen wir Menschen dazu, die Glieder unterschiedlich wertzuschätzen, aber es bringt gar nichts, wenn sich der Kopf einen Plan überlegt und die Augen das Ziel sehen, man aber keine Füße hat, um sich in Bewegung zu setzen. Paulus sagt: Wenn einer leidet, leiden alle mit. Und wenn einer sich freut, sollen sich alle freuen. Heute bezeichnet Solidarität häufig eine Situation, in der Stärkere etwas abge- ben, um Schwächere zu unterstützen: Geld, Arbeitskraft, Aufmerksamkeit. Diesen Gedanken gab es damals nicht? Doch! Die entstehenden christlichen Gemeinden lebten nach den sozialen Gesetzen des Judentums. Dass die Menschen aufeinander Rücksicht neh- men, spielt in den Geboten der Thora eine große Rolle. Die Nächstenliebe äußert sich dort in konkreten Handlungs- anweisungen: Reiche sind zumTeilen verpflichtet. Arme Menschen sind keine Bittsteller, sondern haben das Recht auf Seit September 2022 ist Anni Hentschel Professorin für Neues Testament und Diakoniewissenschaft an der EH Freiburg. In ihrer Forschung beschäftigt sich die Theologin seit langem mit sozialer Gerechtigkeit und karitativem Handeln in der Bibel. Unterstützung und Versorgung. Wenn im Hebräischen dasWort „Gerechtigkeit“ benutzt wird, müssten wir es eigentlich mit „Gemeinschaftstreue“ übersetzen. Es ist also ein Solidaritätsbegriff. Wer zählt zu dieser Gemeinschaft? Gibt es Personen, die ausgeschlossen sind? Zur Gemeinschaft zählen Mitglieder des eigenen Volkes, aber auch Fremde, die unter ihnen wohnen. Auch Gott verhält sich gemeinschaftstreu gegenüber allen Teilen seiner Schöpfung. Das ist aktuell besonders interessant, denn das schließt die Beziehungen zu Tieren ein, zu Pflanzen, zur Erde selbst. Das klingt sehr modern. Früher hat man mit dem Hinweis auf die Bibel gesagt, es sei der Auftrag des Menschen, sich die Erde untertan zu machen. Wenn man diesen Auftrag korrekt versteht, ist es keine Erlaubnis, alles auszubeuten. Der Mensch soll die Erde vielmehr bebauen und bewahren. Können wir also tatsächlich aus 2000 Jahre alten Texten etwas für unsere heutige Gesellschaft lernen? Ja, auf jeden Fall. Die Frage ist jedoch, was wir konkret lernen wollen. Wir kön- nen nicht die Inhalte, die in einer ganz anderen Zeit entstanden sind, einfach auf unsere Zeit übertragen. Gerade weil die Bibel die normative Grundlage für die christlichen Konfessionen ist, ist es wichtig zu reflektieren, welchen Aus- sagen wir heute noch eine normative Gültigkeit zuschreiben. Wir können durch die Texte die Erfahrungen und AufWiderspruch einlassen Ein Gespräch mit Prof.in Dr.in Anni Hentschel ev.olve 3 2 3 3 AufWiderspruch einlassen

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