ev.olve - 03/2023

Isabelle Ihring Ich erlebe Empörung bei bestimmten Themen, die schnell im Entweder-oder verhandelt werden – gut zu beobachten in „so- zialen“ Medien. Binnen weniger Stunden schaukelt sie sich auf zu einem verbalen Krieg. Komplexe Themen werden so stark vereinfacht, dass ihr Gehalt verfälscht wird, unerwünsch- te Perspektiven gecancelt, Menschen abgewertet, um ihre Positionen und gerne auch sie als Person zu diskreditieren. Das führt, so meineWahrnehmung, zu immer engeren Dis- kursräumen, in denen sich Menschen nicht mehr trauen, et- was zu sagen – aus Angst vor einem Shitstorm von Anklagen und Moralisierung. Besonders laut ist die Empörung, wenn der hegemoniale Diskurs infrage gestellt wird: zum Beispiel durch das Themati- sieren vonWeißsein und der damit verbundenen „Überlegen- heit“. Das jahrhundertealte Narrativ des weißen „Wissenden“ hat sich in gesellschaftliche Strukturen eingebrannt. Lange wurde durch eine weiße, vermeintlich „objektive“ Brille erklärt, was Rassismus ist, nicht-weiße Menschen wurden minderwertiger konstruiert. Diese Überlegenheitskonstruktio- nen müssen thematisiert und selbstkritisch reflektiert werden. Ein Prozess, der für mich mit der Anerkennung von Schuld und der Übernahme von Verantwortung durch gesellschaft- liche und politische Akteur*innen heute zu tun hat. Ohne das Wahrnehmen, Aushalten und Respektieren von Positionen, die von der eigenen abweichen, können Machtasymmetrien nur schwer überwunden und Gleichheit hergestellt werden. Björn Kraus Öffentliche Debatten scheinen zunehmend weder zum Aus- tausch zwischen den Diskutierenden noch zurWeiterentwick- lung der eigenen Positionen beizutragen. Stattdessen werden wechselseitig Monologe gehalten und auf die Gegenüber wird – sofern überhaupt – lediglich als zu diskreditierende Personen eingegangen. Soziale Medien ermöglichen dabei sowohl die schnelle und niederschwellige Beteiligung als auch das Aufschaukeln und Verhärten scheinbar unversöhnlich gegenüberstehender Positionen. Deutlich wird hier ein Mangel an Streitkultur, der den Zu- sammenhalt und auch die Entwicklung von Gesellschaften gefährdet. Zusammenhalt erfordert, dass unterschiedlichen Positionen gehört und ernst genommen werden: ohne dass deswegen jede Position umgesetzt werden kann oder akzeptiert werden muss. Allerdings erfordert das gesellschaftliche Miteinander Solidarität auch über die Gruppe der (vermeintlich) Gleichden- kenden hinaus. DieWahrscheinlichkeit hierfür steigt, wenn die jeweils Überstimmten sicher sein können, dass ihre Anliegen als relevant wahrgenommen werden. Das erfordert auch, dass die Positionen der jeweils Andersdenkenden nicht schon im Vorfeld abgewertet werden – auch nicht durch Spekulationen über deren vermeintlich innerpsychisches Erleben. Die Auseinandersetzung mit anderen Positionen erhöht zudem die Chance, eigene blinde Flecken zu entdecken und den Ho- rizont zu erweitern. Auch deswegen hat ein ernst gemeinter Diskurs eine wichtige Funktion bei derWeiterentwicklung von Perspektiven und Ideen. (Un-)Mögliche Diskursräume Überall Empörung – reine Rhetorik? „Hochschulen sind Orte der gesellschaft- lichen Debatten und vor allem des Vonein- anderlernens. Dazu gehört: Widersprüche und Dissonanzen aushalten, Räume für differenzierte Aussagen schaffen – darin liegt die Qualität einer demokratischen Dis- kussionskultur. Hochschulen sind auch ein hervorragender Ort, um Standpunkte auszu- tauschen – auch jenseits von Fachdebatten. Eine Demokratie funktioniert nicht ohne fun- dierte Meinungen. Und dafür braucht sie den Beitrag derWissenschaft. Debatten engagiert und kontrovers führen, diskursiv Themen behandeln: Das ist ein Markenzeichen von uns, das ist typisch Evangelische Hochschu- le. Aber das macht grundsätzlich auch eine Hochschule aus und muss möglich sein. Solange wir zu Themen arbeiten, die einen Bezug haben zu Rassismus, Kolonialismus und Klassismus in Geschichte und Gegen- wart, ist das riskant. Wir können das Risiko einer solchen Eskalation aus Ressourcen- gründen allenfalls dosieren, nicht aber ver- meiden. Wir verstehen uns als Hochschule, die einen Beitrag zur Demokratiefähigkeit der Gesellschaft leistet.“ Renate Kirchhoff zur Eröffnung des Akademischen Jahres 2022/23 ev.olve 1 8 1 9

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