ev.olve - 03/2023
Das Erwachsenwerden ist geprägt von Sinn- suche und Identitätsfindung. Weiterbildungs- angebote wie die der Evangelischen Bildungs- arbeit können Impulse geben. Doch deren Programm erreicht junge Erwachsene aktuell kaum. Die Studie „Fragen an das Leben und mehr“ lässt sie zuWort kommen. Für diese Studie war die Beteiligung der Studierenden besonders wichtig – würden Sie das unterschreiben? Gesa Pult: Auf jeden Fall! Über das gesamte Jahr hinweg haben sieben Studierende der Master Soziale Arbeit, Religionspädagogik sowie Bildung und Erziehung im Kindesalter die Studie mit erarbeitet. Sie waren an allen Phasen des Forschungsprojekts beteiligt: Wie kommen wir vom Auftrag zum For- schungsdesign?Wie erheben und analy- sieren wir die Daten?Wie stellen wir die Ergebnisse vor? Das war eineWin-win- Situation: Die Studierenden konnten viel lernen und zugleich den Forschungspro- zess unterstützen und mitgestalten. Und sie konnten sich bei Themen einbringen, die sie selbst bewegen. „Junge Erwachsene“ ist eine diffuse Gruppendefinition.Wen genau haben Sie befragt? Regional haben wir uns auf Menschen beschränkt, die in Baden leben. Über die Altersgrenze haben wir viel diskutiert. Das Jugendrecht greift teilweise mit Mitte, Ende 20 noch. Und es ist ja auch eine psychologische Frage: Wie jung oder alt fühle ich mich? Im Anschreiben haben wir uns direkt an die Altersgruppe 20 bis 40 gewendet: Sprachlich haben wir diese Zielgruppe wohl erreichen kön- nen, weil die Studierenden so formuliert haben, dass es gezielt die eigene Alters- gruppe anspricht. Die meisten Befragten im Sample sind zwischen 18 und 29. Ihr Fragebogen startet mit „Wenn dein Leben ein Buch wäre, welchen Titel hätte es?“ und lässt die Befrag ten später eigene Fragen und State- ments formulieren. Kommen so wirklich seriöse Daten zusammen? Ich gebe zu, ich hatte am Anfang Bauch- schmerzen damit, einige Fragen so offen zu stellen. Denn einerseits ist die Aus- wertung offener Fragen viel zeitintensi- ver und eine Struktur zur Kategorisierung der Antworten kann erst durch die Ant- worten selbst erarbeitet werden. Doch andererseits kann mit geschlossenen Fragen die wenig bekannte Lebenswelt der jungen Erwachsenen nur schwer erfasst werden. Unser Online-Fragebo- gen und der Mixed-Methods-Ansatz sind eher unkonventionell, doch beides war letztlich die ideale Methode, wie uns die Rückmeldungen gezeigt haben. Die Fragen haben Interesse geweckt und zum Nachdenken angeregt. Lebens- welten können also mit offenen Fragen beleuchtet werden. Und mit der Fülle an Antworten kann nicht nur der Auftrag- geber etwas anfangen, sondern auch die wissenschaftliche Community. Was haben Sie herausgefunden? Es wurde deutlich, wie groß das Inte resse von jungen Erwachsenen ist, Ge- sellschaft zu gestalten und dieWelt zu verbessern. Sie sind offen dafür, sich mit Expert*innen auszutauschen oder In- formationen und Ratschläge zu bekom- men, zum Beispiel für das Organisieren von Klima-Demos. Wenn es um Fakten geht, dann scheinen Vorträge, sehr gerne auch in Präsenz, willkommen zu sein. Ganz anders, als die Expert*innen der Erwachsenenbildung das vermutet hätten. Wenn es um privatere Themen geht wie die eigene Lebensplanung, scheinen eher Formate sinnvoll zu sein, in denen sich die jungen Erwachsenen vertrauensvoll austauschen können. „Jahrgangsgruppen“ wären ein mög- licher Ansatz, damit Leute andocken können, die für Studium oder Ausbildung umgezogen sind. Diese Zielgruppe konkret zu adressieren, ist jetzt Aufgabe der EEB. Das Interesse der jungen Er- wachsenen ist auf jeden Fall da. Dirk Nordhoff Titel: Fragen an das Leben und mehr Projektteam: Prof. Dr. Dirk Oessel- mann; Gesa Pult, M. A.,Wissenschaft- liche Mitarbeiterin; Studierende: Sarah Blechert, Angelika Braun, Franziska Hünnemeyer-Weber, Felicitas Leister, Rehema Riess, Lena Steinebrunner, ClaraWirtz Durchführendes Forschungsinstitut: Zentrum für Kinder- und Jugend- forschung (ZfKJ) der EH Freiburg Auftraggeberin: Landesstelle der Evangelischen Erwachsenen- und Familienbildung Baden (EEB) Laufzeit: 02/2021 bis 01/2022 Junge Zielgruppen erreichen – aber wie? Ziel: Durch die Studie soll die junge Zielgruppe besser verstanden werden, damit die Programmplaner*innen geeignete Angebote konzipieren können. Hintergrund: Die EEB möchte Menschen dazu motivieren, sich in der Gesellschaft einzubringen und soziale Verantwortung zu übernehmen. Während die Bildungs- arbeit der Institution bei Älteren relativ bekannt sind, erreicht die EEB die jüngeren Erwachsenen kaum. Forschungsdesign: partizipativer Ansatz, Studierende der Zielgruppe als Co-Forscher*innen, Mixed-Methods-Design mit Onlinebefragung von über 350 Personen zwischen 18 und 40 Jahren mit vorwiegend offenen Fragen, 14 Leitfadeninterviews mit Expert*innen der Erwachsenen- und Jugendbildung, Onlineworkshop mit der Zielgruppe auf Basis der Ergebnisse. Erste Ergebnisse: Von den befragten jungen Erwachsenen kannten 90 Prozent die Angebote der EEB nicht. Beinahe 50 Prozent äußerten jedoch Interesse. Vor allem haben sie ihrenWunsch nach gesellschaftlicher Mitgestaltung und verstärkter Ein- flussnahme deutlich gemacht. Für die EEB-Expert*innen sind die Lebenswelten jun- ger Erwachsener eine große Herausforderung, auch weil sie oft von Veränderungen und Umbrüchen geprägt sind. Die Studie identifiziert vier zentrale Spannungsfelder, die das Leben der Zielgruppe prägen: Ich als Person, Gesellschaft, Nachhaltigkeit/ Umwelt, Sinn/Glaube. Das Projektteam entwickelt Handlungsempfehlungen, wie die EEB diese Themen zukünftig mitdenken kann. Fragen an das Leben und mehr 1 2 1 3 ev.olve
RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ2MDE5