ev.olve - 03/2023
darisch sein, deren Lebensverhältnisse ich nicht genau kenne, die mir kulturell nicht ähnlich sind oder die zu keiner ver- gleichbaren sozialen Gruppe gehören. Es reicht aus, gemeinsame Überzeugun- gen zu teilen – zum Beispiel, dass gegen eine bestimmte Form von Ungleichheit vorgegangen werden muss. In der Arbeiterbewegung war tatsächlich eine große Ähnlichkeit gegeben – nämlich in den Ausbeutungsverhältnissen, wie man damals gesagt hätte. Die hat man dann gemeinsam bekämpft. Aber im Moment wird Solidarität vorrangig als eine Form des Protests in den öffentlichen Diskurs eingebracht . Haben Sie Beispiele für Solidarität in Aktion, wo Sie sagen: Hier funktioniert sie idealtypisch? In der Straßenbahn wird eine Person angegangen, weil sie die vermeintlich falsche Hautfarbe hat oder weil sie beispielsweise beim Fahrkartenlösen irgendetwas nicht verstanden hat. Oder jemand wird beschimpft, weil er oder sie öffentlich Crossdressing bevorzugt. Parteinahme in solchen Zusammenhän- gen verdeutlicht, was ich mit Ähnlichkeit als Basis der Solidarität meine: Ich muss nicht meinen Kleidungsstil ändern oder aufhören, Fahrkarten zu lösen, um zu wissen, dass ich nicht so behandelt werden möchte. Entsprechend zeige ich dann Zivilcourage, verhalte mich solidarisch. Und wie sieht Solidarität in größeren Zusammenhängen aus? Wenn ich an von Gruppen geplante Solidaritätsaktionen denke, fällt mir auf, dass oft Handlungsmuster aus der Vergangenheit kopiert werden. Häufig verwenden diese ein sprachliches For- mat, damit andere Menschen überhaupt verstehen, dass man jetzt solidarisch ist – und das macht mich skeptisch. In der Straßenbahnsituation müsste ich ja beispielsweise nicht laut sagen „Ich verhalte mich jetzt solidarisch!“, um verstanden zu werden. Noch schwieri- ger wird es, wenn die Reichweite der solidarischen Aktion interkontinental ist. Insgesamt ist mir sympathisch, wenn Menschen nicht Handlungsmuster wiederholen, sondern neue Praktiken begründen. Kann man nur mit Menschen solidarisch sein? Oder kann es auch so etwas ge- ben wie eine Solidarität mit dem Leben oder sogar dem ganzen Planeten? Könn- te die sogar gefordert sein, angesichts der globalen Erwärmung? Nein, bloß nicht. Ich warne meine Studierenden immer vor dem Unab- sehlichen, beispielsweise DERWelt- gesellschaft oder DER Menschheit. Das sind Größen, die gar nicht adressierbar sind. Allerdings hat es etwas für sich, wie Kant Länder als Quasipersonen behandelt. Beispielsweise kann sich das Land A mit dem Land B solidarisieren. Das geschieht aber mittels politischer Repräsentant*innen und nicht durch die Summe aller Einwohner*innen. Dass sich Institutionen solidarisieren können, kann ich mir auch vorstellen, beispielsweise, dass sich der Deutsche Journalistenverband solidarisiert mit Kol- leg*innen, die im Land XY Repressionen ausgesetzt sind. Funktioniert Solidarität ohne Gegen- leistung? Oder spieltWechselseitigkeit doch eine Rolle? Sie wird nicht erwartet, aber in stabilen sozialen Beziehungen könnten sich auf praktischer EbeneWechselverhältnisse einstellen. Im März 2020 waren die Krankenhäuser im Elsass überlastet und das hat dazu geführt, dass französische Patient*innen in deutsche Kliniken verlegt wurden. Das Verhalten von deut- scher Seite könnte man als einen Akt der Solidarität verstehen: Diejenigen, die Solidarität geübt haben, ahnten, dass es sie auch selbst hätte treffen können, und haben geholfen. Kann man im Sinne moralischer Benimmregeln nun eine Gegenleistung erwarten? Das sollte man nicht tun. Aber kann man in der Praxis Was ist Solidarität? Hilfe von französischer Seite erwarten, wenn sie benötigt wird? Sofort, gar keine Frage. Kann sich Solidarität als gesellschaftliche Ressource auch erschöpfen? Fällt das Solidaritätsreservoir irgendwann trocken wie einWasserspeicher, den man nicht auffüllt? Ich würde sagen, jede*r Einzelne hat zu- nächst konditionelle Grenzen, das wäre das erste erschöpfbare Reservoir. Das zweite ist ein Aufmerksamkeitsreservoir, denn unsere Fähigkeiten zum Multi- tasking sind begrenzt: Wenn man sich auf Migration konzentriert, kann man sich nicht gleichzeitig um Gasleitungen und den Klimawandel kümmern. In der Öffentlichkeit hört die Solidarität in dem Maße auf, wie sich die Nachrichten- lage ändert und direkte Begegnungen seltener werden. Außerdem braucht Solidarität Emotionen: Sie ist das feu- rige, begeisterte, in gewisser Hinsicht auch kritikfreie Engagement für andere. Und drittens kann sich das durch die Erfahrung von Negativität erschöpfen. Nicht alle Erfahrungen, die man beim solidarischen Handeln macht, sind an- genehm: Nicht alle Probleme kann man lösen, und Menschen werden einem auch nicht unbedingt sympathischer, nur weil man ihnen hilft. Deswegen wäre es wahrscheinlich nicht schlecht, solidari- sche Handlungen als Raumzeitgebiete zu verstehen – als Handlungsbündel, die aktiviert werden können und wieder verlöschen. Sie können nicht auf Dauer existieren. Wird solidarisches Handeln verstetigt, dann kommt eineWohlfahrts- organisation dabei heraus. Was halten Sie davon, wenn Solidarität öffentlich eingefordert wird? Wenn man sie einfordern muss, ist das ein Krisensymptom. Es stellt sich auch die Frage, ob es ein wirkungsvolles poli- tisches Instrument ist, öffentlich mehr Solidarität zu fordern. Zudem gibt es so viele andere schöne Begriffe: „Sub- sidiarität“ beispielsweise oder „Helfen“ oder „sozialer Zusammenhalt“. Soziale Ziele sollten jedenfalls nicht zu stark betont werden. „Wir treffen uns hier, um sozialen Zusammenhalt zu fördern“: Wenn das eigens gesagt werden muss, fühlt man sich moralisch belehrt oder indoktriniert. Deswegen sollte Solidarität nicht eingefordert werden. Solidarität erklären? Meinetwegen. Und Solidarität ausüben? Das ist vielleicht das Beste. Interview: Nora Lessing Prof. Dr. Bernd Harbeck-Pingel ist Professor für Systemati- sche Theologie an der Evangelischen Hochschule Freiburg und Wissenschaftlicher Direktor des Friedensinstituts Freiburg. Zuvor war er knapp 20 Jahre lang als Lehrer für Evangelische Religion und Deutsch an Gymnasien tätig. In seiner Forschung fokussiert der Theologe auf Grundlagen der Ethik und betreibt unter anderem Studien zu religiösen Bedeutungen. ev.olve 1 0 1 1
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